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Interview: CORVUS CORAX
Titel: Empfindsamer Freigeist

Den 2016er Spätsommer ihrer Anhänger versüßten die Berliner mit der erlesen zusammengestellten Kompilation „Ars Mystica - Die Kunst des Mystischen“. Bewusst entschied man sich dabei für gesetztere und besinnende Stücke aus der Historie der Rabenmeute. Dass dieser gewollt zum Träumen verleitende Dreher von der Hörerschaft dankbar angenommen wird, liegt vor allem auch an den reizvollen Neuaufnahmen der gebotenen Lieder. 


Für Norbert ‚Norri’ Drescher, bei der lebhaften Truppe seit vielen Jahren emsig als ‚Harmann der Drescher‘ am Taktwerk, verlief das Jahr musikalisch wunderbar, wie er wissen lässt. „Für unser Nebenprojekt BerlinskiBeat haben wir eine neue Album-CD mit dem Titel ‚Fräulein könn’ Sie linksrum tanzen’ an den Start gebracht, an der wir echt ewig gesessen sind. Die daran angeknüpfte Tour war auch ein voller Erfolg. Auch brachten wir mit Corvus Corax das für 2017 geplante Fantastical massiv voran, was uns allen ebenso große Freude bereitet hat. Rein kreativ war es also ein wirklich tolles Jahr! Es gibt ja diese Jahre, wo man all die Monate über nur auf der Bühne steht, aber 2016 brachten wir auch schöpferisch viel vorwärts.“


Auch bei einer Gruppe wie den Rabenmännern gibt es natürlich ständig Höhen und Tiefen, so Norri in schwungvollem Tonfall.

„Dieses Jahr allerdings freue ich mich sagen zu können, dass es nur aus Höhen bestand. Selbst die ganzen Konzerte waren einfach toll, auch von den Publikumsreaktionen her, und haben uns einfach immens viel Spaß gemacht. Schließlich treten wir eben schon sehr oft auf, dass muss man schon sagen. Und manchmal haben wir deswegen Bedenken, dass bei einigen Leuten ein gewisser Sättigungsgrad eintritt. Dieses Jahr aber waren es sehr viele Leute, die nach Konzerten ankamen und uns - oftmals sogar frenetisch - lobten. Einige meinten gar, wir wären so gut wie lange nicht mehr, was uns natürlich hoch erbaut hat. Das hört man gerne.“



Wie der Große weiter in bestem Berliner Dialekt ausführt, kann er sich auch im privaten Bereich überhaupt nicht beklagen. „Mit meiner Familie haut es wunderbar hin. Ich freue mich über eine erneute Vaterschaft, wieder ein großartiges Erlebnis. Bei uns läuft es rundum wunderbar, könnte ich sagen.“

Doch dann geht der schlaksige Trommelkerl, gemeinhin als Frohnatur bekannt, mit gestrenger Miene zum Weltgeschehen über. Sein Tonfall nimmt erboste Form an. „Auf politischer Ebene empfinde ich 2016 als ätzend! Es hat sich in den letzten Jahren ja schon abgezeichnet, dass es global nicht gerade gravierend besser wird. Ich rechne also diesbezüglich ständig mit dem einen oder andern Wermutstropfen. Dieser ganze bekloppte Terrorismus ist eines der größten Übel. Verursacht von Leuten, die nicht für den freien Geist stehen und die anfangen, immer mehr Macht zu übernehmen, ganz allgemein gesagt. Das globale Militär, was in gewissen Ländern völlig willkürlich einmarschiert, um den vermeintlichen Terrorismus hier und da zu ‚bekämpfen‘, trägt da natürlich eine Mitschuld. Allzu vieles passiert dabei sogar klammheimlich, die Medien berichten größtenteils ziemlich diffus über dieses Thema, wie ich finde.“



Die weltweiten Kriege und all das damit verursachte Chaos und Leid, es beschäftigt den Perkussionisten nicht nur anhaltend negativ, sondern auch umfassend, wie er offenherzig zugibt.

Dicke Sorgenfalten auf der markanten Stirn zeichnen sich ab:

„Sehen wir doch auch nur mal wieder nach den USA! Dort passierte auch dieses Jahr wieder so einiges, dass einem äußerst seltsam vorkommt, bekanntlich vor allem zum Ende von 2016 hin. Eine erfreuliche Zeitlang herrschte dort früher noch Frieden. Und man hatte das Gefühl, dass sich das Ganze doch noch in eine freigeistige Richtung entwickeln darf, an der die ganze Welt auf unterschiedlichste Art und Weise teilhaben darf. Egal, ob es nun die Freiheit persönlicher sexueller Orientierung oder ähnlicher Errungenschaften handelt, es schien in die menschlichere Richtung zu gehen. Doch dieser Tage findet eine, jeweils mehr oder weniger merkliche Kehrtwende statt, die mir deutlich zu spürenden Anlass zu innerer Unruhe gibt.“

Norri liest nämlich ganz gerne Neuigkeiten in den Medien, doch noch lieber beschäftigt er sich mit der Meinung und den Reaktionen der Menschen dazu. Und, wie er besorgt erläutert, machen ihm die dabei zu erlebenden Extreme in letzter Zeit immer öfter Kopfzerbrechen.

„Es zeichnete sich schon seit längerem langsam aber sicher ab. Doch bin ich dieses Jahr ganz besonders angepisst davon, wie viele nun aus der Deckung kommen, die überhaupt nichts von freiem Denken halten. Alles, was anders denkt, sollte nach deren Meinung einfach verboten werden. Oder weggesperrt. Oder Schlimmeres. Auch in unserem Land hier nimmt das alles eher hochgradig zu statt ab. Leute, die freiwillig ihre eigenen Henker wählen, sind mir einfach sowieso schon immer ein Rätsel gewesen. Manchmal macht mich das geradezu wahnsinnig.“ 


© Markus Eck, 03.12.2016

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