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Interview: CORVUS CORAX
Titel: Bombastisches Spektakel

Auf weiten Strecken musikalisches Neuland betreten diese Könige der Spielleute auf ihrer neuesten Album-Veröffentlichung, „Cantus Buranus“ betitelt.

Die acht beliebten Berliner Corvus Corax machten sich nämlich an die Neuvertonung der „Carmina Burana“, also einer der berühmtesten mittelalterlichen Lieder-Handschriften überhaupt. Diese Neuvertonung mit zuvor noch gleichnamigen Albumtitel erhielt jedoch kurz vor der offiziellen Veröffentlichung einen neuen Werksnamen: „Cantus Buranus“.

Die Gruppe und ihr Label hatten sich geeinigt, für dieses neue Album und die Aufführungen dazu den neuen Titel „Cantus Buranus“ zu verwenden, um Verwechslungen mit der Komposition Carl Orffs zu vermeiden, der als Titel für sein Werk den Namen der allseits bekannten mittelalterlichen Liedersammlung wählte, aus der er – wie Corvus Corax – lediglich die Texte entnommen hatte.

Orchestral enorm komplex und klanglich großmächtig erschallt dieses immens aufwändig umgesetzte neue Studiowerk, versehen mit beeindruckend pompösen Arrangements und vielfältigstem Instrumentarium.

So treffe ich einen Teil des Mittelalter-Ensembles kurzerhand im Münchner Maritim Hotel, um den jüngst fertig gestellten Liedern zu lauschen und um nachfolgend nähere Infos dazu einzuholen.

Laut Corvus Corax-Sackpfeifer Castus Rabensang wurde „Carmina Burana“ zwischen dem Jahre 1220 und 1230 von Mönchen nieder geschrieben, höchstwahrscheinlich in der österreichischen Steiermark. Obwohl die Historiker sich darüber noch heute streiten:

„Denn übersetzt bedeutet `Carmina` `Das Lied` und `Burana` steht für `Benediktbeuern`, also das Kloster, in dessen Bibliothek die Handschrift im Jahr 1803 schließlich wieder entdeckt wurde. Die Wissenschaftler hatten nachfolgend schwer daran zu beißen, denn es steckten allzu viele Ungereimtheiten in dieser Schrift. Zumal war es eine sehr einfach gemachte und auch sehr schlechte Rechtschreibung: Die enthaltenen Neumen waren zwar zu lesen, jedoch nicht mehr korrekt zu spielen. [Zu Beginn des neunten Jahrhunderts entstand die Neumenschrift, hervorgegangen aus cheironomischen Handzeichen, um Noten schriftlich darzustellen beziehungsweise zu überliefern; A.d.A.] Wenn man nun heutzutage aus der `Carmina Burana` Originalmelodien spielen will, gibt es nur die eine Möglichkeit, anhand von Parallelhandschriften, welche die Melodie besser aufgezeichnet haben, die Tonfolgen entsprechend zu rekonstruieren.“

Wie Castus weiter offenbart, geschah dies die letzten 16 Jahre bei Corvux Corax bereits immer mal wieder.

„Für die neue Veröffentlichung haben wir jedoch alles mühvoll komplett neu ausgearbeitet, und dies gilt sowohl für das Orchester als auch für die zwei beteiligten Chöre und all die mittelalterlichen Instrumente.“

Besonders interessant ist es zu erfahren, welche lyrischen Inhalte den neu vertonten historischen Kompositionen innewohnen.

Laut Castus beschäftigt sich die „Carmina Burana“ gleichfalls mit moralischer Dichtung als auch Liebesliedern sowie Trink- und Spielliedern. Ihren Abschluss findet sie mit 28 Stücken geistlicher Dramen. „Insgesamt sind über 240 Gedichte enthalten, welche von den damaligen Mönchen aufgeschrieben wurden.“

Ich frage nach, wie die Kirche sich gegenüber dieser inhaltsreichen Liedersammlung verhalten hatte, ob die Verfasser damals vielleicht Strafen für ihre Texte zu fürchten hatten:

„Nein, das war nicht der Fall. Die Lieder konnten von der Kirche ja nicht verboten werden, denn sie wurden ja gewissermaßen auch von der Kirche beziehungsweise den Mönchen aufgeschrieben. Und zu der Zeit war das Ganze auch noch nicht so extrem gehalten, das sollte erst noch folgen: Denn ihre Hochzeit erlebte die Inquisition in der Renaissance, und in Spanien während des Barock-Zeitalters. Das wirklich finstere Mittelalter bestand bei uns eigentlich also mehr in der Renaissance.“

Obwohl Corvus Corax seit ihren Gründerzeiten aus der „Carmina Burana“ immer wieder vereinzelte Stücke in der Originalform spielen, sollte die endgültige Umsetzung des Gesamtwerkes in aktueller Form erst jetzt erfolgen, so der gute Castus:

„Als uns Prinz Luitpold von Bayern, der Schirmherr der berühmten Kaltenberger Ritterspiele, auf denen wir immer auftreten, fragte, ob wir fähig seien, eine Hymne für das Kaltenberger Ritterturnier zu schreiben, nahm das vorliegende Album seinen Anfang. Wir nahmen den Auftrag an und verwendeten hierfür einen Text aus der `Carmina Burana`, komponierten etwas für Orchester und Chor und spielten mit Corvus Corax unseren Anteil dazu ein. Schon beim Einspielen im Studio merkten wir, welch große Freude uns das Ganze machte. Und genau in der Form wollten wir schließlich die `Carmina Burana` auf die Bühne bringen.“

© Markus Eck, 14.06.2005

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