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Interview: CHTHONIC
Titel: Aufrichtige Traditionalisten

Passionierte Hörer, welche die Werke der beiden Spitzenbands Oathean und Sad Legend aus Südkorea inniglich lieben und welche die Zornlieder der japanischen Ästhetentruppe Tyrant schwärmend zu schätzen wissen, haben aktuell allen Grund zum Feiern.

Denn sie können nun einer weiteren wertvollen Exotenperle des Genres ihre Gunst schenken: Chthonic aus Taiwan. Edelsymphonischer und opulent arrangierter Melodic Black Metal mit aufwühlend theatralischer Anmut und vielseitiger Klangfülle ist die große Leidenschaft dieses 1995 gegründeten Ensembles.

Auch das neue Zauberalbum „Seediq Bale“ reiht sich bravourös in die bisherige begeisternde Veröffentlichungslinie dieser inbrünstigen asiatischen Atmosphärengroßmeister ein. Damit solcherlei dramatisch hohe Schwarzmetallqualität nicht der ewige Geheimtipp unter informierten Insidern bleibt, wurde die neue Scheibe auch für den europäischen Markt lizenziert.

Aus diesem erfreulichen Anlass jettete das Sextett nach Stuttgart und stellte sich dort im mondänen Maritim Hotel am Freitag, den 26. Januar 2007 für Interviews etc. zur Verfügung.

Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, zumal auch Botschafter Professor Doktor Jhy-Wey Shieh, seines Zeichens Repräsentant von Taiwan in Deutschland, extra für diesen Termin aus Berlin angereist war, um seinen Landsleute persönlich nach Kräften den Rücken zu stärken.

Nach seiner stolz verkündeten Eröffnungsrede setzten wir zwei uns zusammen.

Als langjähriger Freund von Chthonic-Sänger Freddy kann der im feinen Anzug anwesende Herr Botschafter zwar nicht allzu viel mit der Stilistik des Sechsers anfangen, wie er offen zugibt. Jedoch lobt der Professor und Doktor die lyrischen Intentionen der Band in den allerhöchsten Tönen.

„Chthonic sind seit jeher eine sehr mutige Musikergemeinschaft. Denn sie verarbeiteten beziehungsweise transportieren in ihren intensiven Liedern von Anfang an auch landeshistorische und -politische Inhalte. Und diese verknüpfen sie textlich mit ihrer ganz speziellen Form von dunkler Mystik. Unsere Nation wurde jahrelang von einem diktatorischen Regime unter geistiger Kontrolle gehalten, und die allermeisten Leute bei uns sind dementsprechend aufgewachsen“, sagt mir der Professor.

Wir erfahren noch: „Als ich eines Tages Freddy bei einer dortigen Musik- beziehungsweise Kulturveranstaltung kennen lernte und durch ihn von seinen lyrischen Aktivitäten mit Chthonic erfuhr, entschied ich mich schlagartig, diese einzigartige Gruppe so gut es geht zu unterstützen. Freddy und ich verstehen uns daneben auf persönlicher Basis noch immer prima, so bin ich heute ohne Zögern mit Freuden hergekommen.“

Dass man seine Worte absolut ernst nehmen kann, zeigt der Fakt auf, dass sich der Botschafter nach Vorführung von mehreren Chthonic-Videoclips nicht zu schade ist, gemeinsam in bester Schwermetall-Manier mit der gesamten Band für meine Kamera zu posieren.

Einer ausgiebigen und überaus informativen Unterhaltung mit diesem herzlichen Zeitgenossen schloss sich das eigentliche Interview-Gespräch mit Vokalist Freddy an. Dieser erläutert zum musikalischen Konzept seiner asiatischen Dunkelgarde:

„Ich spiele bereits ab einem Alter von vier Jahren Klavier und interessiere mich sehr für klassische Musikwerke der alten Meister, besonders Chopin hat es mir sehr angetan. Als ich Mitte der 90er Jahre erstmals in Kontakt mit der harten Musik der ganzen norwegischen Black Metal-Bands in Berührung kam, begeisterte ich mich vom Fleck weg dafür. Da lag es nahe, selbst eine Band zu gründen – und mein künstlerischer Background sollte fürderhin in Chthonic eingewoben werden. So entstand die individuelle Mischung, welche man auch auf `Seediq Bale` hört. Wir feilen wirklich immer sehr lange an sämtlichen Songs herum, denn unser Anspruch an uns selbst ist stets sehr hoch.“

Diverse Auszeichnungen in ihrer Heimat – dort sind Chthonic nämlich bereits Black Metal-Superstars – als auch eine riesengroße asiatische Fangemeinde unterstreichen dieses Statement entsprechend.

Doch auch auf lyrischer Ebene geht es bei Chthonic alles andere als gewöhnlich zu, so der überaus freundliche Freddy.

„Dies soll bereits unser ganz spezifisches Corpsepaint zum Ausdruck bringen. Wir schmücken unsere Gesichter mit überlieferten Geisterbemalungen. Wir fühlen uns den Brauchtümern und Traditionen unserer Heimat verpflichtet, und gerade in Taiwan wird seit jeher ein tiefsinniger Geisterkult zelebriert – um die Ahnen sowie ihre einstigen ruhmreichen Taten zu ehren. Daneben sind wir allesamt sehr naturverbunden, was sich auch bestens mit in die Texte integrieren lässt – das somit entstandene lyrische Gesamtkonzept kombinieren wir noch mit entsprechender Staffage auf der Bühne.“

Der Sänger stellt noch klar: „Auf unserem aktuellen fünften Langspieler `Sediq Bale` erzählen wir wieder tragische und mitreißende Geschichten mutiger taiwanesischer Kämpfer und Nationalhelden – jedoch so, wie sie sich auch wirklich zutrugen. Also keine blind nachgeäfften Propagandaversionen über imaginäre Figuren, wie sie die Regierung den Leuten jahrelang glauben machen wollte. Wir bringen unseren Anhängern die wahre Historie Taiwans und der dortigen Menschen nahe, und darauf sind wir auch sehr stolz. Man kann dieses erhebende Gefühl deutlich in unserer vielseitigen Musik hören.“ In der Tat.

© Markus Eck, 29.01.2007

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