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Interview: CHIMAIRA
Titel: Emotionale Achterbahnfahrten

Ihr neuer und dritter Studio-Langspieler, schlicht „Chimaira“ betitelt, zeigt diese sechs härtefreudigen Amerikaner samt ihrem Nu Thrash Metal von neuen kreativen Seiten.

Die Band offenbart damit frische Facetten, die ebenso angenehm überraschend wie genussvoll ergiebig sind. Beim konsequenten Vollzug seiner künstlerisch neuen Pfade bewahrte sich das aus Cleveland, Ohio stammende, 1998 gegründete Sextett glücklicher Weise den bekannt extrem hohen Grad an Aggression.

Doch die ohnehin jederzeit verspielte Musikalität des Sechsers erfuhr eine merklich niveauvolle Vertiefung. Die Chimäre – übersetzt „Sie-Ziege“ – ist ein den vielen griechischen Mythenwelten entspringendes Mischwesen: Ein gar schreckliches Biest, Feuer speiend, mit dem Körper einer Ziege, dem Kopf eines Löwen und dem Schwanz eines Drachens.

Diverse Überlieferungen verkünden, die Chimäre hätte drei Köpfe. Andere Sagen hingegen berichten von nur einem.

Fakt aber ist, dass das ungestüme Cleveland-Sixpack um die beiden talentierten Gitarren-Asse Rob Arnold und Matt Devries seinen Bandnamen nach wie vor völlig mit Recht trägt.

Die wütend-feurige Explosionsmusik von Chimaira steht der uralten Chimäre schließlich in rein gar nichts nach.

Die überwiegend brutal kultivierte New Wave Of American Heavy Metal befindet sich derzeit ja noch immer auf dem aufsteigenden dicken Ast.

Mit ihrem aktuellen Mörderteller zählen Chimaira dabei zweifellos zu den weit überlegenen und auch zielsicheren Gewinnern im Ring.

Denn dieser spielkulturell gleichfalls enorm anspruchsvolle wie kompositorisch überaus abwechslungsreiche Aludeckel zählt mit seinen zehn raffiniert inszenierten Dampframmen-Tracks zu einem echten Highlight aus dieser neuzeitlich zahlreich umkämpften stilistischen Richtung.

Aus dem erfreulichen Anlass dieses erneuten gelungenen Gewaltausstoßes heraus buchte ich rasch einen Flug, um mich mit Frontfetzer und Stimmbandquäler Mark Hunter in Köln zu treffen.

Nach einer Stippvisite beim deutschen Hauptquartier der zuständigen Plattenfirma Roadrunner Records, wo ich eine Vorab-Hörprobe des Albums nahm, konnte unser ausgiebiges Interview-Gespräch in einem schmucken Kölner Hotel beginnen.

Mark ist laut eigener Aussage nun bereits schon zum fünften Mal persönlich in Köln zugegen und liebt diese Stadt mehr und mehr.

„Einige Örtlichkeiten in Köln haben es mir ganz besonders angetan, daher besuche ich sie auch immer wieder, wenn ich hierher komme. Und es gibt richtig gute Steaks hier, gerade letzte Nacht hatte ich eines gegessen, das war echt ein klasse Teil. Oder die köstlichen Pfannkuchen, die es nicht weit weg von hier zu kaufen gibt, an denen kann ich mich ebenfalls schier nicht satt essen“, bekennt der höflich auftretende Sänger am Beginn des Gespräches noch seine kulinarischen Vorlieben.

Der nachfolgende Verlauf unserer informativen Unterhaltung bringt die Meinung von Mark selbst über das neue Album ans Tageslicht.

„Ich denke, wir haben definitiv einen richtigen Schritt nach vorne gemacht – ohne dabei aber zu vergessen, wo wir herkommen und wer wird sind. Unsere Einflüsse sind noch immer dieselben wie damals, als wir anfingen, mit Chimaira Musik zu machen. Doch mit den Jahren wächst man als Musiker immer mehr zusammen, die Freundschaften in der Band wachsen stetig an. Man wächst im Zuge dessen aber auch ebenso als Songwriter, man wird durch das viele Training insgesamt immer besser und man lernt somit, die vorhandenen Inspirationen adäquater umzusetzen. Diesmal haben wir es geschafft, alle Einflüsse perfekt miteinander zu kombinieren und die neue Platte stellt aus diesem Grund für uns schon eine echt großartige Arbeit dar.“

Der Kompositionsprozess für „Chimaira“ gestaltete gerade deswegen durchgehend schwierig, wie meinem Gegenüber zu entlocken ist. Mark gibt vor:

„Unser letztes Album `The Impossibility Of Reason` war rückblickend ein sehr großer Erfolg, so dachten wir vor Beginn des Songwritings oft darüber nach, da noch mal einen drauf zu setzen, in Allem. Primär wollten wir uns als Künstler in keinerlei Art und Weise wiederholen, sondern uns hauptsächlich nach vorne entwickeln. Lange konnten wir darüber jedoch nicht nachdenken und philosophieren, denn irgendwann stieg der Zeitdruck dann massiv an, um endlich mit dem Schreiben der neuen Lieder für das aktuelle Album zu beginnen. Der härteste Teil gestaltete sich für uns darin, wie wir an die Sache überhaupt rangehen sollten. Wir stürzten uns jedoch dann einfach mit Volldampf in die Arbeit – und alles entwickelte sich glücklicher Weise wie von selbst nach unserer Vorstellung. Es war ein schon unglaublich tolles Gefühl, die anfängliche mentale Hürde mutig überwunden zu haben und dann weiter mit Hochdruck dermaßen kreativ zu sein.“

Heraus kam dabei eine außergewöhnliche Veröffentlichung, die eine deutliche Veränderung zum vorherigen Material der Band darstellt. Mark pflichtet da gerne bei.

„Definitiv, und das war auch volle Absicht. `Chimaira` ist betont progressiv gehalten, was vor allem die ausgetüftelten Songstrukturen anbelangt. Dabei sahen wir es nicht als bedingungslose Vorgabe an, technischer oder melodischer oder sonst was zu werden. Wir wollten vordergründig eine intelligente Platte machen, die unserem Können vollauf gerecht wird. Wir wollten prägnante Songs machen, die man nie mehr vergessen kann, die einen Tag und Nacht zum Nachdenken anregen. Verdammt eindringliche Lieder, aus denen heraus die Fans exakt verstehen, was wir der Hörerschaft eigentlich genau mitteilen wollen. Ein Großteil der derzeitigen Hoffnungen, welche wir in dieses neue Album setzen, besteht darin, dass die Fans auch gänzlich imstande sind zu verstehen, was wir ihnen mit unseren aktuellen Songs vermitteln wollen. Die Scheibe soll den Leuten runtergehen wie ein gutes Steak zum Mittag, das wünschen wir uns von Herzen. Und daher wollen wir nicht in einen Topf mit all den anderen Bands geworfen werden, die ähnliche Musik machen wie wir. Die Titulierung `New Wave Of American Heavy Metal` wird ja in beinahe inflationärem Ausstoß von Bands wie Labels und Magazinen gleichermaßen genutzt, ein Strom, eine Massenbewegung, der sich immer mehr Genre-Vertreter voller Enthusiasmus anschließen. Über kurz oder lang klingt aber doch Vieles mehr oder weniger gleich, was beinahe einer künstlerischen Schafherden-Mentalität zu gleichen droht. Wir konnten uns noch niemals so recht damit anfreunden, als New Wave Of American Heavy Metal-Band dargestellt beziehungsweise kategorisiert zu sehen. Wir sahen und sehen uns da eher als Pioniere und machen vorzugsweise doch eher unser ganz eigenes musikalisches Ding.“

Da von den beiden erfolgreichen Vorgängeralben laut betont besonnener und damit sehr sympathischer Aussage von Mark mehrere Hunderttausend Exemplare weltweit über die Ladentische gingen, ist es interessant zu erfahren, ob sich bei Chimaira zeitweise bereits Rockstar-Feeling breit macht.

Doch weit gefehlt, wie sich überraschend herausstellen soll:

„Nein, definitiv nicht, zu keiner Zeit. Wenn man sich Metallica vor Augen hält, die bisher sage und schreibe über 90 Millionen Alben verkauft haben – die dürfen sich wie richtige Rockstars fühlen, wir hingegen wohl noch lange nicht. Dennoch, wir fühlen uns durch unserer Verkaufszahlen auch sehr geehrt und danken allen unseren Fans dafür. Dennoch, es gibt auch in unserer Musikrichtung ja noch viele andere Bands, von denen einige viel größer und bekannter sind als wir.“

Chimaira sind also noch weit davon entfernt, sich große Anwesen mit prächtigen Häusern kaufen zu können, rote Ferraris zu fahren und sich täglich mit bildhübschen Models zu treffen, wie Mark dezent lachend feststellt.

Was die Lyrik der neuen Lieder anbelangt, so werden diese von Mark immer erst dann geschrieben, wenn die eigentlichen Songs als Grundgerüst bereits stehen, wie der Sänger nachfolgend mit Bestimmtheit im Tonfall dazu ausführt.

„Ich mag es sehr, zu visualisieren, wenn ich einen neuen Song von uns höre. Meine Arbeitsweise hierin ist es, die ganz speziellen Gefühle, die eine neue Komposition von uns immer wieder in mir auslöst, in entsprechende Bilder vor meinem geistigen Auge umzuwandeln. Wir legen eine ganze Menge an Leidenschaft, Herzblut und Präzision in unseren Sound, das gilt es in gleichwertig gute Texte umzulegen. Diesmal wollte ich meine Songtexte dunkler, mehr auf den Punkt kommend und auf eine ganz gewisse Art auch persönlicher werden lassen.“

Und der zehnte Song, der abschließende Rausschmeißer des Albums namens „Lazarus“, hat für den lyrisch anspruchsvollen Vokalisten unter all den anderen neuen Liedern die persönlichste Bedeutung überhaupt, wie sich herausstellen soll:

„Der Track ist hauptsächlich ein Tribut für einen ehemaligen sehr guten Freund von mir, welcher vor elf Jahren Selbstmord beging. Es war tragisch. Musikalisch und lyrisch passt in diesem Song wirklich alles perfekt zusammen. Es soll eine gedenkvolle Art `Good Bye` sein, eine Ehrehrbietung, verbunden mit dem ausgiebigen Dank, dass er mir damals so ein verdammt guter Freund war. Im Nachhinein wirkt dieses Stück ehrlich gesagt wie eine wirkungsvolle Eigentherapie für mich, denn ich habe den großen und tiefen Schmerz aus dieser leidvollen Sache nie richtig verarbeitet, trotz aller Trauerarbeit. Auf musikalische Weise hingegen ist `Lazarus` einer der interessantesten Songs auf dem Album überhaupt. Er steckt voller rigider Dynamiken, durchzogen von Höhenflügen und Abstürzen – die reinste Achterbahnfahrt an dramatischen Emotionen.“ Mit biblischer Thematik hat „Lazurus“ jedoch nicht das Geringste zu tun, wie Marc spürbar Wert darauf legt, mir noch ergänzend zu versichern.

Seine persönlichen Favoriten auf dem derzeit erscheinenden Werk sind für ihn nicht so ohne weiteres zu nennen.

Denn diese wechseln ständig, was schon ganz eindeutig für die durchgehend vorhandene Qualität von „Chimaira“ spricht. Marc präzisiert in diesem Kontext:

„Es kommt dabei immer ganz darauf an, wie genau beziehungsweise mit welcher Sichtweise ich an die Scheibe herangehe. Den anderen in der Band geht es da ganz genauso, denn eigentlich ist die ganze Platte vom Anfang bis zum Ende ein einziger zusammenhängender Chimaira-Song. Es gibt Tage, da finden wir `Bloodlust` super, dann wieder `Inside The Horror`. Es wechselt echt ständig, und das ist auch gut so. So bekommen wir immer wieder die erbauliche Gewissheit, dass wir alles richtig gemacht haben.“

Dem durchgehend hochintensiven Gesang von Mark hört man aktuell deutlich an, dass er mit Leit und Seele hinter dem steht, was er da singt. Seiner persönlichen Meinung nach gaben ihm die vielen bisher absolvierten Gigs mit Chimaira eine hervorragende Entwicklungsmöglichkeit:

„Ich konnte mir daher für meine Stimme angemessene und auch real zu erreichende Ziele stecken, ohne dabei abzuheben, lernte mich selbst immer besser kennen. Ein Ziel ist noch immer das gleiche: Ich möchte als Sänger so kraftvoll wie nur irgend möglich klingen. Als wir diesmal das Studio für die Aufnahmen zum aktuellen Album betraten, hatte ich eines ganz bereits vorab klar im Kopf: Ich wollte mich bis an mein äußerstes Limit, bis an die absolute Grenze meiner stimmlichen Möglichkeiten bringen. Und die neuen Songtexte gaben mir dazu auch allen Anlass: Denn sie sind die bisher aggressivsten, die ich jemals gemacht habe. Als ich dann anfing vor dem Mikro zu stehen und die ersten Aufnahmen zu machen, registrierte ich recht schnell, dass mir mein Vorhaben todsicher gelingen würde. So was spürt man einfach. Daraus resultierend, entwickelte mein Gesang dieselbe unaufhaltsame Eigendynamik, wie ich bereits zuvor das Songwriting beschrieben habe. Und diese gleichwertig effiziente Mischung führte zu einem dermaßen in sich geschlossenen Album wie es `Chimaira` dann geworden ist.“

© Markus Eck, 06.07.2005

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