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Interview: CARBID!
Titel: Explosive Mischung

Bereits im allerletzten Jahr des vorherigen Jahrhunderts taten sich diese aus dem Raum Braunschweig stammenden Musikanten zusammen. Mit ihrem aktuellen Album „Breaking Walls“ zeigt sich das Quartett um Sänger Frank „Kui“ Kubein von stilistisch beeindruckend unbeirrbarer Seite. Dieses wirklich voll und ganz den klassischen Bereichen Hardrock und Heavy Metal huldigende Debütalbum der nicht klein zu kriegenden Überzeugungstäter legt gar den Schluss nahe, als sei die Vergangenheit spurlos an den Burschen vorüber gezogen.

Der griffige Titel des besagten Langspielers spricht eigentlich sowieso schon Bände: Sinnbildlich reißen Carbid!, die Band mit dem Ausrufezeichen im Namen, damit sämtliche Trend-Wände ein, mit welchen allzu profitgierige Labels und Musik-Konzerne dem guten alten Heavy Metal immer wieder gefährlich zu Leibe rücken.

So kommt man eigentlich nicht umhin, dem Treiben von Carbid! seinen Respekt zu zollen, da die Jungs mit einer ausgeprägten Kompromisslosigkeit und Spielfreude ihren eingeschlagenen Weg in aller denkbaren Konsequenz verfolgen, und sich dabei nicht die Bohne in irgendeiner Weise kommerziell anbiedern.

Bassist Carsten Bätge steht meinen Fragen nur zu gerne Rede und Antwort.

„Nach der Europatournee von Random im Vorprogramm von U.D.O. 1997, für die ich als Ersatzgitarrist Chris, meinen Mitstreiter aus „Alien Power“-Tagen, rekrutiert hatte, bin ich bei Random ausgestiegen. Nachdem ich mit Chris eine weitere „Alien Power“-Scheibe als Studioprojekt eingespielt hatte, erinnerten wir uns eines Abends beim Bier in einer Braunschweiger Szenekneipe, wie viel Fun der Metal in den 80ern noch gemacht hat. Also entschlossen wir uns, wieder eine richtige Metalband alten Schlages zu gründen und nur für uns zum Spaß unsere Helden von früher zu covern, also Motörhead, AC/DC, Judas Priest, Van Halen usw.“, erinnert sich der Vollblut-Metaller an die Anfänge von Carbid! zurück.

„Ein paar Meter weiter stand ein großer, breitschultriger, langhaariger Typ mit Lederjacke und Bier in der Hand und sah auf die Tanzfläche. Der sah irgendwie wie ein Metal-Drummer aus, also sprachen wir ihn an – und er war einer! Er hieß Werner, kam aus der Krefelder Ecke und war ganz frisch nach Braunschweig gezogen. Kui, unseren Sänger, kenne ich schon seit 1986, dort haben wir gemeinsam - in unterschiedlichen Bands - auf einem Festival gespielt. Er ist mir 1999 beim letzten „Umsonst & draußen“-Festival in Braunschweig über den Weg gelaufen. Er war etwas frustriert, weil sich seine Band gerade aufgelöst hatte. Allerdings habe ich beim Festival mitgearbeitet und hatte Zugriff auf die Theke. So konnte ich Kui mit geistreichen Getränken trösten und überreden, zur nächsten Probe zu kommen. Damit war die Band fertig. Der Gitarrist hat in den 13 Jahren Bandgeschichte zwar schon dreimal gewechselt, der Rest ist aber noch original. Und Gitarrist Micha, der klassisch über eine Anzeige zu uns gekommen ist, spielt jetzt auch schon seit 2009 mit. Seitdem Micha dabei ist, sind wir so schlagkräftig wie nie zuvor, was man auch deutlich an der aktuellen CD merkt.“

Früher sind die Beteiligten viel gemeinsam um die Häuser gezogen, mittlerweile ist Schlagzeuger Werner meistens der einzige, der noch viel unterwegs ist. Carsten:

„Ein Problem ist auch unsere Entfernung voneinander: In Braunschweig ist zwar unser Proberaum, aber nur Kui wohnt in Braunschweig. Micha wohnt 30 km, ich 40 km entfernt. Und Werner lebt in Frankfurt und ist nur jedes zweite Wochenende in Braunschweig. Die Musik ist aber bei jedem das Wichtigste im Leben und verbindet uns auch über die Entfernung. Wenn man sich solange kennt und zusammen spielt, versteht man sich auch häufig wortlos.“

Der Bandname ist Werner eingefallen, als er Freunden von seiner neuen Band erzählt hat, wie zu erfahren ist. „Mit Carbid, also Calciumcarbid, CaC2, kann man u.a. sprengen – und das war wohl Werners Assoziation dabei. Als er uns beim nächsten Mal davon erzählte, fanden wir die Idee so gut, dass wir Carbid! als Bandnamen wählten und das Explosivzeichen als Logo. Wir sind eben eine explosive Mischung.“ Und so steht das Ausrufezeichen im Bandnamen laut Carsten sinnbildlich als Warnung vor der Explosion, quasi: Achtung, gleich knallt’s!

Die Members der Band sind in den 1980er Jahren aufgewachsen und fühlen sich immer noch als Kinder dieser Zeit und Fans dieser Musik. „Damals hat sich durch die NWOBHM etwas verändert, es wurde eine neue Kultur, eine neue Denk- und Lebensweise begründet. Diesem Spirit sind wir bis heute treu. Jeder von uns hört auch heutige, modernere Musik, aber unsere Schnittmenge liegt im ursprünglichen Heavy Metal. Da wir auch heute noch gerne alte Songs covern - die werden dann meist schneller und härter als das Original, wir nennen es „eincarbiden“ -, landen wir auch immer bei den Klassikern. Letzteres ganz besonders, wenn wir auch noch Sonderwünsche bekommen, wie neulich beim Auftritt auf der 25-Jahr-Feier von EMP. Wir machen authentische Musik, die uns Spaß macht. Mit viel Power, guten Grooves, melodiösen Hooks und häufig verdammt schnell, Musik, die uns auch fordert und musikalisch anregt. Betont brutale Musik höre ich mir gerne an, muss ich aber nicht selber machen.“

Und was entgegnen Carbid! all den Lästerern, Spinnern und sonstigen Ignoranten, welche die Band aufgrund von Tun und Staffage belächeln? „Wir haben Spaß. Wir zwingen niemanden, mit uns zu feiern. Wer uns belächeln will, soll das tun. Die meisten feiern live lieber mit uns, anstatt uns zu belächeln. Wir sind ja keine Revival-Band, wir sind original.“

Vor dem Studiotermin für die Aufnahmen zur aktuellen CD fühlte der Tieftöner eine sehr große Ambitioniertheit in sich, wie er zu berichten weiß.

„Denn eigentlich wollten wir nur ein aktuelles Demo aufnehmen, aber dann entschieden wir uns - reichlich spät - doch dafür, gleich ein ganzes Album aufzunehmen. Da habe ich dann noch ein paar Songs geschrieben, inklusive der Texte, die wir dann noch gemeinsam arrangiert haben. Sonst entwickeln wir die Songs gemeinsam, von Micha stammen die meisten Riff-Ideen und von Kui die Texte.“

Ganz am Anfang stand jedoch purer Spaß. „Musik machen, Gefühle ausleben, Krach machen und Freude haben. Wenn man dann merkt, wie gut es den Fans gefällt, wird man doch wieder getrieben, auch neue eigene Songs zu machen. Und wenn dann die eigenen Sachen live genauso gefeiert werden wie die Klassiker, ist man schon etwas stolz. Wir haben mittlerweile ganze 32 Coversongs im Programm, das ist schon eine beachtliche Menge. Da kommt zwar manchmal – auf besonderen Wunsch – noch einer dazu, aber im Wesentlichen konzentrieren wir uns jetzt auf eigene Songs. Es gibt noch viele Ideen, die umgesetzt werden wollen.“

Lampenfieber existiert bei Carbid! kaum noch, wie Carsten nachfolgend offenbart. „Ich persönlich habe immer Kniezittern, solange ein Intro von CD läuft. Das war aber schon immer so. Wenn ich dann erst spiele, ist das vorbei. Und spielen wir ohne Intro, gibt’s auch kein Lampenfieber.“

Im Weiteren erläutert der Bassist die Bedeutung des Albumtitels „Breaking Walls“.

„Wenn man eine CD aufnimmt, sucht man nach einem Etikett, einer Überschrift für das Werk. Im Titel soll sich alles wieder spiegeln, der Titel soll das ganze Werk charakterisieren. Wir haben lange nach einem Titel gesucht und waren nicht zufrieden. Kui ist der Titel „Breaking Walls“ ganz spontan auf der Rückfahrt vom Studio eingefallen, als wir die endgültige Abmischung gemacht hatten. Wir haben in dem Moment gemerkt, dass wir mit der CD nach den Jahren des ausschließlichen Coverns durch das Aufnehmen der eigenen Songs eine Mauer durchbrochen haben und uns als Band gefunden haben. Einen eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt, der aus Tradition und modernem Touch besteht.“

Für welche Fans beziehungsweise für welche Sparten die Carbid!-Songs am besten geeignet sind, darüber hat sich der Mann noch nie Gedanken gemacht. „Da wir eine recht große Bandbreite haben, von langsamen Heavygrooves bis zu schnellen Nackenbrechern, kommen wir bei sehr vielen Fans an. Bei Kids, die den Metal gerade entdecken genauso wie bei Grauköpfen, die mit AC/DC aufgewachsen sind. Unsere neuen Songs haben den originären Sound von Carbid!, also melodischen Gesang, kompaktes Schlagzeug und aggressiven, treibenden Bass, mit einem weiteren Element aus den 80ern verschmolzen, nämlich Michas streckenweise Thrash-lastige Rhythmusgitarre. Bei Songs wie „Green Hill“ kommt der Kontrast zwischen eingängigen Hooklines und thrashig aufgebrochenen Harmoniestrukturen besonders deutlich zum Tragen.“

Carbid! sind echt. Sie waren es auch schon immer, so Carsten.

„Wir können auch gar nicht anders. Jeder von uns hat schon mal in einer Band gespielt, in der er Kompromisse machen musste und hat sich dabei nicht wohl gefühlt. Und zur Inszenierung: Wenn ich „Number Of The Beast“ spiele, muss ich einfach den Fuß auf die Monitorbox stellen – ich sehe einfach Steve Harris vor mir. Wir machen zwar ernsthaft Musik, nehmen uns aber selbst dabei nicht ernst. Spaß und Power, das gehört dazu. Wenn andere das anders sehen, ist das ihr Bier. Ich würde mir niemals eine Perücke aufsetzen, damit es nach Metal aussieht.“

Seinen persönlichen Lieblingssong auf der neuen CD zu nennen, das fällt ihm schwer. „Denn geil sind sie alle. „Pirates!“ ist einer meiner Faves, super Hookline, ein ungewöhnlicher Groove und ein bissiger Text. „Never Regret“ berührt mich stark, hat autobiographische Züge. Bei „Green Hill“ gefällt mir der Kontrast zwischen dem roughen Anfang und dem eher lyrischen Gesang. Und die düstere Stimmung bei „Dark Night“ finde ich auch herrlich. Und natürlich „Rock Forever“, eine richtige schnelle harte Headbanger-Nummer. Ich bin schon immer ein Speedfreak gewesen. Wir wollten sowieso möglichst viel von unserer Live-Power in den Sound stecken, deshalb hat auch das Mischen sehr lange gedauert. Irgendwann ist Günni, unser Studio-Tontechniker, einen Weg „back to the roots“ gegangen und der Sound wurde direkter und brutaler, mehr 80er, weniger komprimiert als heutige Produktionen. Dann hört man natürlich auch deutlicher, wie gut eine Band zusammenspielt. Das ist eine unserer Stärken.“

Der weitere Dialog befasst sich mit den Liedertexten von Carbid!:

„So lyrisch, wie es vielleicht klingt, sind sie gar nicht. Es handelt sich fast immer um reale Situationen, vielleicht etwas abstrahiert, aber immer real. Erinnerungen, Wünsche, Ereignisse. Man kann mehr Emotionen in die Musik legen, wenn die Geschehnisse einen Bezug zur Realität haben.“

Jetzt fabuliert der Interview-Partner noch über seine ganz persönlichen Klassiker.

„Motörhead, Judas Priest, AC/DC, Iron Maiden, Megadeth, Annihilator, Riot und Metal Church. Moderneres: Devin Townsend und Linkin Park. Erneuertes: Hammerfall und Dream Evil.“

Am allermeisten freut sich der Bassist auf musikalischem Sektor derzeit schon auf die nächste Carbid!-CD, wie ihm zu entlocken ist. „Wir haben so viele geile neue Songs und schaffen es hoffentlich, im Frühjahr 2013 ins Studio zu gehen. Außerdem wollten wir eine China-Tour machen, die eigentlich 2012 schon starten sollte, sich aber aus organisatorischen Gründen verschoben hat.“

Das Gespräch leuchtet im Weiteren die Metal-Szene vor 20 Jahren aus und auch, wie das Ganze heute ist. Der Tieftöner wird nachdenklich, dann gibt er zu Protokoll:

„Jede Zeit hat ihre Highlights. Man nimmt die Zeit anders auf, wenn man jünger ist. Grundsätzlich wird irgendwie alles gut. Ich glaube immer noch daran, dass Metal die Welt verändert. 1986 war ich bei „Monsters Of Rock“ in Nürnberg. Zeitgleich war dort ein Jahrmarkt, direkt neben dem Festivalgelände. Und alle Metalheads, die wie wir am Tag vor dem Festival angekommen waren, sind auf diesen Jahrmarkt gegangen. Die ganze Szenerie bestand aus Lederjacken, Kutten und langen Haaren. Das hat mich irgendwie verändert, da wusste ich, dass wir alle – egal, welcher Spielart des Metal wir angehören – einen gemeinsamen Traum und ein gemeinsames Ziel haben. Solange wir leben, verändern wir die Welt und tragen sie in uns weiter. Alles wird gut.“

So wollen Carbid! laut Aussage des Bassisten ihren Sound auch so lange zelebrieren, bis sie irgendwann tot von der Bühne fallen. „Metal ist geil, Metal selber machen noch geiler. Warum sollte man mit etwas aufhören, was soviel Spaß macht? Metal ist Leben => Kein Metal, kein Leben.“

© Markus Eck, 13.10.2012

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