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Interview: CAPUD DRACONIS
Titel: Höchst ertragreicher Eigensinn

Diese ebenso feinsinnigen wie mit viel Bedacht musizierenden Hessen stemmen sich entschieden gegen das oftmals lieblos dargebotene Einerlei des musikalischen Mittelaltergenres. So zelebrieren die 2007 ins künstlerische Leben gerufenen Capud Draconis ihre wohltuend erfrischende Klangkunst in hochgradig eigenständiger Spielmanier.

Diese Musikanten erquicken den Hörer dazu mit eigenen Melodien und auffallend kreativer Neuinterpretation traditionellen Liedguts. Dazu formidabel angereichert mit reizvoller schottischer Dudelsack-Spieltechnik, ertönt der herrlich mystische Folklore-Sound der fidelen vierköpfigen Formation, welche ihre tief berührenden und hochatmosphärischen Notenkonstrukte selbst als „Neo Pipe Folk“ tituliert.

Überzeugen kann man sich von den edlen Qualitäten der hessischen Spielleute auf dem neuen Album „Musica Divina“, welches mit enormer aber auch homogen zueinander gebrachter schöpferischer Vielfalt besticht.

„Es gibt beinahe nichts, worüber ich mich in der Gruppe beschweren könnte. Denn das sinnbildliche Reiten gegen stilistische Windmühlen gehört für mich genauso dazu wie die Anerkennung derer, die unsere Musik unterstützen. Die Freiheit, unsere eigene Musik und unseren eigenen Stil zu entwickeln und unter die Leute zu bringen hat uns denke ich wohl alle weiter gebracht. Die Möglichkeit, sich mit unserem Sound frei zu entfalten, ist überwältigend und ich bin auch ein wenig froh darüber, nicht auf altes, traditionelles Liedgut angewiesen zu sein, was schon platt gespielt worden ist. Das sollen andere übernehmen, wir überzeugen weiterhin mit frischem neuen Dudelsack-Sound“, konstatiert Hagen Sturmwut, welcher bei Capud Draconis Davul, Schlagwerk, Bodhran und Drehleier bedient.

Der Name Capud Draconis bedeutet übersetzt „Das Haupt des Drachen“, so Hagen. Er erläutert:

„So wurde die letzte Hochburg der Katharer im Mittelalter genannt, die für die katholische Kirche damals eine Gefahr darstellten. Für mich bedeutet der Bandname Unabhängigkeit, seinen eigenen Weg zu gehen und sich nicht an alteingesessenen Konventionen der Szene zu orientieren. Wir brechen mit festgefahrenen Angewohnheiten und ecken dabei auch durchaus mal irgendwo an. Doch solange wir uns dabei treu bleiben kann ich damit leben.“

Wir gehen im Weiteren angeregt zum thematischen Hintergrund des neuen Albums „Musica Divina“ über. Hagen hierzu:

„Wir hatten uns schon während der Produktion des letzten Albums ‚Musica Nova’ darauf festgelegt, welches Werk diesmal den Rahmen für das zweite Album geben würde, und die Wahl fiel relativ schnell auf ‚Die Göttliche Komödie’ von Dante Alighieri. Dabei war uns vollkommen klar, dass es keinerlei Möglichkeit geben würde, der Handlung der kompletten ‚Divina Commedia’ von Alighieri auch nur ansatzweise Raum auf einer CD zu geben. Daher entschlossen wir uns früh dazu, uns auf den Teil des Fegefeuers zu konzentrieren: Da die bildliche Sprache, mit der Dante arbeitete, hier die größten und eindrucksvollsten Gemälde erschuf und es leichter machte, diese Wortgewalt in Töne zu verwandeln. Ebenso wurde die ‚Musica Nova’ schon nach einem Werk von Dante Alighieri benannt haben, nämlich nach der ‚Vita Nova’. Aber unsere Musik halten wir deswegen nicht für göttlich und das hatte auch nichts damit zu tun.“

Wir sprechen anschließend darüber, was zugeneigte Hörer mittels des kommenden Capud Draconis-Werkes „Musica Divina“ genießen dürfen. Und der Mann legt dazu dar:

„Ich denke vor allen Dingen, dass die Stücke von Capud Draconis erwachsener geworden sind, weniger verspielt klingen und mehr auf den Punkt kommen. Unser Pfeifenspieler Alustris von Thargor und Arach von Alzey, zuständig für Saiteninstrumente, haben zwei Monate lang im Kämmerchen Songs geschrieben und das Album-Konzept entworfen. Arach hat sich im vornherein intensiv mit der ,Göttlichen Komödie‘ beschäftigt und daraus das Konzept für die Songs und das Album entworfen. Daran wurde sich dann orientiert, als es zum Songwriting kam. Aber es wurde auch viel Platz für Spielraum gelassen. Die Flöte zum Paradiso, zum Beispiel, ist nicht während des Songwritings entstanden, sondern wurde von Flötist und Djembe-Trommler Magnus der Letzte geschrieben, als er hörte, wie Arach und Alustris Dulcimer und Gitarre einspielten.“

Der weitere, außerordentlich angenehme Interview-Dialog dreht sich um spezielle, den Kompositionen des neuen Capud Draconis-Langspielers vorangegangene kreative Ziele.

„Für mich sollte es ehrlich und schlicht gesagt einfach nur weitergehen mit der Gruppe. ,Musica Nova‘ war vom Konzept her sehr mutig und vielleicht etwas sperrig. Wir wollten es leichter für den Hörer machen, einen Zugang zu finden und gleichzeitig unser Konzept über das Leben weiter spinnen. Außerdem war der Neuling-Bonus für uns langsam aufgebraucht und so wollten wir auch zeigen, dass wir uns in dem einen Jahr zwischen den Alben weiter entwickelt hatten und das mehr in Capud Draconis steckt, als man am Anfang vielleicht geahnt hatte. Das waren ehrgeizige Ziele, welche die ganze Band mit viel Schweiß und Blut verfolgt hat“, so Meister Sturmwut dazu.

Die besten Lieder beziehungsweise Ideen dazu sind dieser Formation laut Hagen bislang ohnehin beim Ausprobieren und Improvisieren mit ihren Instrumenten in den Sinn gekommen.

„Da läuft es einfach am besten: Man merkt, wie eingespielt wir alle aufeinander sind und die Energie, die so eine Session mit sich bringt, ist einfach unbeschreiblich kreativ.“ Einflüsse haben diese Hessen viele, wie noch in Erfahrung zu bringen ist.

„Das ist meistens alles, was uns gerade beschäftigt und uns fesselt, begeistert oder aus irgendeinem Grund nicht mehr loslässt. Eine spezifische Quelle gibt es aber wohl gar nicht. Denn es ist zwar gut, sich inspirieren zu lassen, aber die besten Ergebnisse erzielt man doch, wenn man nicht vorbelastet in solch‘ ein Projekt startet.“

Und auf „Musica Divina“ hat es, so offenbart der Kerl, kein einziger vokalisierter Liedertext geschafft.

„Das lag an der Thematik und auch an unseren Ideen. Außerdem wirkte es am Ende, als würde in das Gesamtkonzept der CD einfach kein gesungener Song passen. Es war auch eine kleine Herausforderung für uns, die Atmosphäre von Dantes' Geschichte nur durch Instrumente einzufangen. Im CD-Booklet erwarten einen allerdings Passagen aus der deutschen Übersetzung der ,Göttlichen Komödie‘ die dem Hörer den Inhalt der Songs etwas näher bringen. Auf unserer Homepage gibt es zudem auch eine Interpretation der einzelnen Songs.“

Uralte Stilistik in modernen Hallen - wie fühlte es sich für die Gruppe wohl an, die neuen Kompositionen im Studio einzuspielen und aufzunehmen? Hagen erläutert:

„Unser Studio ist von Arach aufgezogen worden und wir haben vor den Aufnahmen noch viel Arbeit reingesteckt, es renoviert und genau auf unsere Belange zugeschnitten. Das war also quasi wie eine kleine zweite Heimat, die wir uns da erschaffen haben. Außerdem nehmen wir seit der Demo-CD schon dort auf. Es ist also immer wie Nachhause zu kommen. Zudem laufen die Aufnahmen mittlerweile so routiniert, dass es total entspannt ist und wir uns alle auf das Ergebnis freuen, welches am Ende auf uns wartet.“

Gevatter Sturmwut ist im Weiteren der Ansicht, dass es eigentlich gar nicht so wichtig ist, wie ernst man so eine Sache nimmt oder nicht. Er lässt tiefer blicken:

„Nur weil eine Gruppe Spaß vermittelt und das auch in ihrer Musik einfließt, verliert die Musik selbst ja nicht ihre Rechtfertigung. Entscheidend ist immer, was der Zuhörer versucht in der Musik zu finden. Und da gibt es halt verschiedenen Vorlieben. Letztendlich hat jede Band ihre Daseinsberechtigung, da es mindestens genauso viele verschiedene Geschmäcker gibt wie Gruppen. Und genau das ist das Wichtige: Dass man sich unterscheidet und nicht im Allgemeinen untergeht. Es gibt schon Künstler, die mit ihren Werken stark beeindrucken können. Als liebstes Beispiel dafür nehme ich immer gerne die Gruppe Faun, die von CD zu CD mit ihren Werken begeistern, oder auch Patrick ,Okusa‘, ehemaliger Musiker von Corvus Corax und Schelmish, der mit seinem musikalischen Wirken wohl eine ganze Szene stilistisch geprägt hat. Doch auch Bands wie Varius Coloribus Experience und Wargsang haben stets ihre ganz eigene neue Form der Musik wiedergegeben.“

Für Hagen stellt es also das Wichtigste dar, dass Capud Draconis sich mit ihren Klängen von anderen Gruppen abheben und damit ihren ganz eigenen Sound präsentieren können.

Er möchte, wie er bekennt, den Menschen mit Liedern in Erinnerung bleiben, die sie so noch nie zuvor gehört haben und auch nur so von Capud Draconis wieder hören können.

„Es gibt zu viele Plagiate, daher ist man froh über jedes Original. Im Großen und Ganzen jedoch mache ich meine Musik so individuell wie möglich und bin froh darüber, genau das zu machen und nach drei Jahren noch immer schwer einschätzbar zu sein.“

Für Capud Draconis und den restlichen Verlauf von 2011 erhofft sich der hessische Idealist, dass er es mit seiner Gruppe auch dieses Jahr schaffen wird, jede Menge Leute mit seiner Musik zu begeistern, sie zu erheitern und natürlich zu bewegen.

„Wir möchten ihnen zu zeigen, dass Dudelsäcke ein virtuoses Instrument sind und dass mehr damit machbar ist, als man es erwarten würde. Zudem hoffen wir natürlich auch, möglichst wenige Hörer zu vergraulen und vielleicht einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen; nicht zuletzt auch für das, was 2012 noch von uns folgen wird.“

© Markus Eck, 30.05.2011

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