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Interview: BEHEMOTH
Titel: Rebellische Künste

Die tapferen Polen Behemoth sind gewissermaßen als eine der ersten Black Metal Horden ihres Heimatlandes einzuordnen. Behemoth wurde in uralten Schriften als schreckliches Ungeheuer beschrieben und später mit dem Teufel gleichgesetzt.

Im Buch Henoch wird es auch als Gegenstück zu Leviathan aufgeführt. Bereits gegen Ende des Jahres 1991 von Nergal (v./g./b.) und Trommler Baal Ravenlock aus dem unheiligen Taufbecken gehoben, ist dieses mit den Jahren enorm gereifte bizarre Trio nach wie vor überaus aktiv.

Besonders Allrounder Nergal, der im Lauf der Zeit zu einem echten Könner seiner Zunft herangereift ist, glaubt nach wie vor wie nur wenige Genreprotagonisten an seine Sache und kann durch Beständigkeit und Kompromißlosigkeit einige Aufmerksamkeit für sich und seine Band beanspruchen.

Behemoth sind mit jedem Album besser und vor allem härter geworden, und das, obwohl fast alle der zeitgleich gestarteten vergleichbaren Acts danach eine zunehmend softere Schiene gefahren haben, um sich vermeintliche hohe Verkaufszahlen zu sichern.

Als nach relativ kurzer Zeit der Selbstfindung dann bereits 1992 das erste von insgesamt drei Demos, „Endless Damnation“, als eines der ersten Black Metal-Veröffentlichungen in Polen nach den Richtlinien der Neuzeit auf den Markt kam, konnten sich die damals noch selbst „Barden des pommerschen Heidentums“ titulierenden Streiter uralter Werte gleich vom Start weg positiv profilieren.

Behemoths Werdegang listet mittlerweile inklusive dem aktuellen Werk sieben Alben auf, die allesamt die unstillbare und feurige Leidenschaft der polnischen Todesknechte vollständig reflektieren.

Nun hat die eisern entschlossene Formation mit „Thelema.6“ eine weitere Orgie an sich entladendem Hyperspeed Death Metal der pechschwarzen Sorte eingespielt, die alsbald die Sinne der dürstenden Fans mittels der enthaltenen superben Riffgewitter paralysieren wird.

Durch die Brillanz des neuen Materials auf den Plan gerufen, suche ich höchst interessiert den Austausch mit Idealist Nergal.

„Wir haben unseren Stil eigentlich niemals großartig bewußt geändert“, kommt die unverzügliche Antwort auf meine Anmerkung bezüglich der mit den Jahren modifizierten Stilistik.

„Wir sind ja nun schon seit zehn Jahren aktiv und sehen es als eine ganz natürliche Progression an, was mit unserer Musik geschehen ist. Wir haben uns niemals ernsthaft Gedanken darüber gemacht, daß wir vom Black Metal der Anfänge zum momentanen Death Metal tendieren wollten. Es ist ganz einfach geschehen, weil uns danach war. Und so ist es auch das Beste. Wir lieben unsere Musik und glauben an sie. Man kann doch nur richtig gut sein, wenn man an sich und das Getane aufrichtig glaubt!“

So war es laut Nergal auch von Anfang an das Ziel der Band, primär die eigenen Ansprüche der Urheber zu befriedigen.

„Es ist sehr viel Emotion tief aus unseren Herzen in das neue Album hinein transformiert worden. Das ist uns nach wie vor das Wichtigste. Es ist sowieso heutzutage nur noch so eine dünne Linie zwischen Black- und Death Metal, daß man oftmals keine Trennung mehr vornehmen kann. Wir gaben niemals etwas auf die entstandenen Diskussionen betreffs dieser Thematik. Für uns gibt es nur gute und schlechte Musik.“

Hört sich gut an, diese Aussage, genau wie auch das neue Album.

Auf „Thelema.6“ geht man bei Behemoth mehr denn je in die Vollen und verarbeitet vielerlei Einflüsse.

Kann Nergal mir die größten inspirativen Paten seines Wutkommandos nennen?

„Nun, wir wurden von vielen Bands mehr oder weniger beeinflußt. Um dir einige zu nennen, die uns am nachhaltigsten fasziniert und inspiriert haben, kann ich dir Morbid Angel, Mayhem und Emperor auflisten. Das sind die Bands, die unseren größten Respekt genießen. Aber davon abgesehen gefällt mir auch Danzig ganz gut. Sowie Nick Cave, Diamanda Gallas, Ulver und Nine Inch Nails als auch viele andere Bands dieser Richtung.“

Geistig dauerhaft offen zu sein ist bekanntlich nie schlecht für den musikalischen Horizont. Wie steht es denn mit dem aktuellen Line-Up zum Besten? Nergal:

„In der Vergangenheit hatten wir mehrere Besetzungswechsel. Momentan stehen ich, unser Schlagzeuger Inferno und Gitarrist Havoc für Behemoth. Als Session-Bassist hilft uns Novy von Devilyn tatkräftig aus.“

Mich interessiert vor allem die Triebfeder für das Spielen solcher Musik. Will man der verhaßten und verdorbenen Welt die verachtende Faust ins Antlitz schlagen? Oder ist es lediglich eine Form von antireligiöser Rebellion? Der Meister erläutert:

„Nun, in gewissem Sinne kann man beide deiner Interpretationen durchgehen lassen. Wir sind auf jeden Fall anti-christlich. Und wir sind in erster Linie rebellisch gegen alles, was wir mit Verärgerung sehen. Aber letztendlich ist unsere Musik eigentlich viel zu komplex, um ihr eine einfache Größe für irgendeine Schublade zuzuordnen. Warum wir es mit Behemoth zum Ausdruck bringen? Die Antwort ist ganz einfach: Für uns ist unsere Musik der beste Weg, um aus uns heraus zu gehen. Außerdem fühlen wir uns diesem Genre sehr verbunden. Für uns ist diese brutale Art zu musizieren die effektivste künstlerische Betätigung, um alle unsere Gefühle auszuloten und entsprechend zu äußern. Und diese Musik reflektiert perfekt, wie es tief in uns drinnen aussieht.“

Der Titel der neuen Scheibe klingt irgendwie esoterisch. Dazu wieder Nergal:

„Thelema meint im griechischen den Willen des Individuums und dessen Stärke. Tu was du willst soll das einzige Gesetz des Willens sein. Liebe sollst du geben, jedoch soll die Liebe dem Willen unterstehen. Diese These stammt von Crowley und seinen okkulten Lehren. Also in erster Linie soll die unermeßliche Kraft des Willens ausgedrückt werden. Thelema ist auch ein großartiges Wort, um die Inspiration und die geistige Vitalität zu definieren, die uns gestärkt durch jeden Tag gehen läßt.“

Bald wird die Band auf den X-mas-Festivals zuschlagen. Und welches Ziel haben sich Behemoth für dort gesetzt?

„Wir wollen Europa heimsuchen und beherrschen! Wir haben ein exzellentes Album in der Rückhand und sind voller Tatendrang. Wer will uns noch aufhalten?“ Ja, wer?

© Markus Eck, 04.11.2000

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