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Interview: BACIO DI TOSCA
Titel: Mit unendlicher Hingabe

Die besonders passionierten Liebhaber der von ihr kreierten Ästhetenklangspektren verliehen selbigen den stilistisch überdachenden Oberbegriff „Symphonic Wave“, passend zusammengesetzt aus dem Kategorisierungsterminus Dark Wave und der signifikanten symphonischen Notentiefe von Bacio Di Tosca.

Apropos, grenzenlos tief gab sich Dörthe Flemming, die dahinter stehende Künstlerin selbst, auch ihren neu erschaffenen Kunstlied-Kompositionen für das aktuelle dritte Bacio Di Tosca-Album „Hälfte des Lebens“ hin.

Und die kreative menschliche Devotion an sich, sie könnte feinmusikalisch für solcherlei genussträchtige Ausdrucksformen wohl nicht inniglicher umgesetzt werden. Nicht selten gar selbstvergessene Ergebenheit für die eigene Verwirklichung, erneut also ein stark prägendes Hauptelement innerhalb des prächtig dargebotenen schöpferischen Rahmens der klassisch ausgebildeten Mezzosopranistin, die ihrem ausgeprägten Hang für Zeitloses einmal mehr nachkam.

Verzehrend dunkelromantisch gestimmte Sehnsuchtslieder voller Verlangen sind somit entstanden, deren bezaubernde emotionale Anmut erneut unaufhaltsam bis ins Mark vordringt – nobel erperlende und erhebend feinsinnige Träumereimusik labend entrückter Natur mit absolutem Seltenheitswert.

Die letzten Monate waren durch die Aufnahmen zum neuen Album sehr stressig für die fleißige Vokalistin gewesen, wie sie zunächst wissen lässt.

„Ich hatte sehr hohe Erwartungen an mich selbst und wollte keine Abstriche machen. In diesem Album steckt wieder mal viel Arbeit und all mein Herzblut, was sehr viel Kraft gebraucht hat. Dieser Stress fällt nun von mir ab und jetzt heißt es erstmal durchatmen.“

„Hälfte des Lebens“ ist ein sehr zum Nachdenken anregender Albumtitel von großer Symbolkraft. Wie empfindet Dörthe selbst die in unserer heutigen Gesellschaft leider immer stärker einher gehende, primär doch massenmedial herbeigeführte soziale Zerspaltung von alten und jungen Menschen? Wir erfahren:

„Soziale Spaltung spürt man nicht nur zwischen jung und alt, sondern auch generell. In den Medien werden Menschen unterschiedlichster Bevölkerungsschichten in quotenträchtig manipulierten Sendungen regelrecht vorgeführt. Die Sender sind voll von Krawall-TV und Kochduellen. Da drängt sich einem schon der Verdacht auf, dass von den Verantwortlichen hierbei systematisch vorgegangen wird. `Brot und Spiele` waren schon immer ein beliebtes Mittel um ein unzufriedenes Volk `ruhig zu stellen`. Was würde wohl passieren, wenn sich alle einig wären? Wir haben es vor genau 20 Jahren miterlebt.“

Die hauptsächliche Inspiration für das neue Album war vor allen Dingen eine DVD des DEFA- Films „Hälfte des Lebens“, so die Sängerin. „Ein Film, der mich sehr berührt hat, über den Dichter Hölderlin – gespielt von Ulrich Mühe –, seine verbotene Liebesbeziehung zu einer verheirateten Frau und seinen Zusammenbruch, als diese tragisch endet. Hölderlin war durch den Verlust seiner Geliebten nur noch ein `halber Mensch`. Ich finde dies als einen sehr schönen Interpretationsansatz für sein Gedicht `Hälfte des Lebens` – dass erst die Liebe einen `vollkommen` macht und ein Leben ohne Liebe nur das `halbe Leben` ist. Man kann diesen Faden noch weiterspinnen, wenn es beispielsweise nicht allein um die Liebe zu einem anderen Menschen geht. Sondern auch um Ideale, Leidenschaften, darum sich `ganz und gar` einer Sache hinzugeben. Das ist nur wenigen Menschen vergönnt und darum ist das Gefühl eines `halben Lebens` wohl fast jedem hinlänglich bekannt.“

Passend zum Titel des neuen Werkes wählte Dörthe Texte über das Leben und dessen Vergänglichkeit, wie sie nachfolgend erzählt. „Da gab es für mich als leidenschaftliche Gedichtleserin bereits einige Zeilen, mit deren Vertonung ich schon länger geliebäugelt hatte, wie beispielsweise `Gestutzte Eiche` oder `Das Herz ist mir bedrückt`.“

Und bis auf zwei Kompositionen, die in Zusammenarbeit mit Kirk Gazouleas aus Griechenland entstanden sind, stammen alle Lieder auf „Hälfte des Lebens“ von ihr selbst.

„Diese Kooperation zeigt wie klein die Welt doch heutzutage geworden ist, kommunizieren beziehungsweise musizieren wir zwei doch bislang ausschließlich über das Internet. Die Verbindung ist dabei die universal gültige Musik, welche hilft, Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede zu überwinden. Diese Zusammenarbeit hat sehr viel Spaß gemacht und wird sicherlich fortgesetzt werden.“

Musik bietet ihr laut eigener Aussage die Möglichkeit, genau das auszudrücken, was „zwischen den Zeilen“ steht, so die Stimmbandkönnerin.

„Mich faszinieren beispielsweise die Ironie und der Sarkasmus Heinrich Heines oder die tiefe Schwermut in den Zeilen von Nikolaus Lenau oder auch die faszinierende Modernität der Gedichte von Felix Dörman, die einen in den Abgrund der eigenen Seele blicken lassen.“

So hält dieses neue Bacio Di Tosca-Album laut Dörthe musikalisch einige Überraschungen und viel Abwechslung bereit:

„Aber auch stimmlich befinde ich mich diesmal vermehrt auf Abwegen, beispielsweise habe ich bei `Der Schmerz` die Gesangstechnik mal außen vor gelassen und singe ganz natürlich – eben einfach `der Schminke bar`. Das gibt diesem Lied einen sehr intimen zerbrechlichen Charakter. Passagen in denen ich nicht `klassisch` singe, finden sich auch in anderen Liedern, wo es einfach besser passte, die Stimme auch mal schlichter klingen zu lassen, wodurch gesanglich sehr schöne Kontraste entstanden sind.“

Wie hoch insgesamt waren die künstlerischen Ziele der Sängerin für das aktuelle Werk angesiedelt? Sieht Dörthe diese aktuell erfüllt? Sie antwortet: „Eine meiner musikalischen Inspirationsquellen ist nach wie vor das Kunstlied was in der Tat ein hochgestecktes künstlerisches Ziel darstellt. Mit diesem Album ist es mir gelungen meine eigene Meßlatte wieder ein klein wenig höher zu legen und so bin ich mit der Umsetzung dieses Themas wirklich zufrieden. Ich bin sehr gespannt wie sich das in Zukunft noch steigern lässt!“

Wir schweifen zum Themenkontext der Live-Auftritte über, und meine Gesprächspartnerin eröffnet hierzu: „Ja, ich bin 2009 live aufgetreten, beispielsweise beim Summer Darkness Festival in Utrecht, wo einige Fans extra für den Bacio Di Tosca Auftritt angereist sind und dafür bis zu neun Stunden Autofahrt in Kauf nahmen. So ein Einsatz beflügelt natürlich! Bei allem Lampenfieber genieße ich es sehr, live zu singen und die Spannung zu spüren die sich während des Auftrittes aufbaut. Ich schätze den Kontakt mit dem Publikum während und nach der Darbietung sehr. Ich muss sagen – ich habe wirklich ein tolles, sehr herzliches Publikum!“

Und für das kommende Jahr 2010 gibt es auch bereits einige bestätigte Konzerte: „Näheres dazu kann stets der Bacio Di Tosca-Homepage entnommen werden. Besonders ans Herz legen möchte ich dabei allen ein Konzert am 20. März 2010 in einer Tropfsteinhöhle in Rübeland im Harz. Dort singe ich im Goethesaal in der Baumannshöhle umgeben von Fledermäusen und fantastisch aussehenden Tropfsteinen. Die feuchtkalte Luft kommt meiner Stimme sehr entgegen, allerdings sollte sich das Publikum ein paar warme Decken mitnehmen.“

Ich frage anschließend nach, welche wichtigen initiierenden Impulse das für ihre Musik oberbegrifflich zitierte Genre Dark Wave im Jahr 2010 im Großen und Ganzen überhaupt noch hergibt.

Dörthe, existieren darin noch wirkliche Künstler, welche wie du mit Tiefgang und der Bedacht auf Zeitlosigkeit agieren?

„Also ich denke, Bacio Di Tosca ist schon mal ein gutes Beispiel für neue Impulse im Dark Wave-Genre. Offenbar ist mir da ein ganz eigener, neuer Stil gelungen, der von meinen Fans inzwischen als `Symphonic Wave` bezeichnet wird, was wirklich eine passende Beschreibung ist, die ich gern angenommen habe. Durch meine Arbeit und die Möglichkeiten die mir das Internet bietet, lerne ich immer wieder interessante Künstler mit Tiefgang und Idealismus kennen. Das stimmt mich doch recht optimistisch, dass es auch weiterhin noch viele Impulse – und das nicht nur im Genre Dark Wave – geben wird. Ich persönlich finde diesen internationalen Austausch sehr inspirierend, was man auch sehr schön an der erwähnten Zusammenarbeit mit Kirk Gazouleas auf meinem neuen Album hören kann. Das Internet sollte man nicht unbedingt nur als Fluch für das Musikgeschäft sehen, sondern eher als Chance.“

Worin beziehungsweise in welcher Position sieht die Vokalistin Bacio Di Tosca inmitten des Ganzen? „Mit Bacio Di Tosca möchte ich das Interesse an alten Kunstformen wie dem Kunstlied wecken und dazu ermutigen, auch mal inne zu halten und sich auf die Wurzeln der eigenen Kulturgeschichte zu besinnen. Ohne Wurzeln gibt es keinen Halt und Bestand. [Eine Aussage von weitreichender Tragweite; A.d.A.] Dann hat man vielleicht einen schönen Strauß Schnittblumen, der eine zeitlang ganz hübsch aussieht, aber dann verwelkt und nicht mal mehr einen Duft hinterlässt. Die Auseinandersetzung mit den Ursprüngen finde ich sehr fruchtbar und inspirierend. Es ist immer wieder faszinierend, wie harmonisch sich alte musikalische Formen mit modernen Elementen vereinen lassen und wie viel neue Ausdrucksmöglichkeiten sich dadurch eröffnen.“

Leider wird ja auch dieser eigentlich hochinteressante stilistische Bereich nach Meinung des Autors tendenziell ansteigend mit plakativ blutigen und nicht selten eklig brutalen (Horror)Bildern, lächerlicher Pseudo-Erotik, unsäglichem Vampir-Kitsch etc. versehen, während die Musik wie so oft dagegen immer minderwertiger wird.

Wie steht die die Bacio Di Tosca-Sängerin zu dieser Entwicklung?

„Das Problem ist hier wohl der heute vorherrschende Überfluss und dieser führt dann leider auch zu einem Wertverlust. So nimmt der Kampf um Aufmerksamkeit manchmal schon recht bizarre Formen an, da gebe ich dir Recht. Aber man muss ja nicht alles konsumieren, was einem vorgesetzt wird und außerdem ist man doch immer auch selbst Teil einer Entwicklung und hat so die Möglichkeit etwas zu verändern. Letzten Endes hat es ja jeder Künstler selbst in der Hand wie er sich präsentieren möchte und was für ein Publikum er damit anspricht. Ich bin kein Freund von Effekthascherei und setze lieber auf Fleiß und Kontinuität.“

Zweifellos als sehr tiefgründig agierende Sängerin mit großer Ausdruckskraft im Stimmklang beziehungsweise großem Anspruch an sich selbst am Werk, hört Dörthe gerne auch den Künsten anderer Vokalistinnen zu.

„Durch meine klassische Gesangsausbildung sind meine Idole besonders bei den Operndiven zu finden. Allen voran: Maria Callas, die zu ihren Glanzzeiten bis heute unerreichte Belcanto-Interpretationen darbot. Meine große Bewunderung gilt auch der aus Rumänien stammenden Angela Gheorghiu, die übrigens meine persönliche `Lieblings-Tosca` ist. Nicht nur dass sie als eine der schönsten Sopranistinnen und mit ihren dunklen Haaren und schwarzen Augen schon optisch die ideale Besetzung für diese Partie ist, sie hat auch die Leidenschaft und das Feuer einer `Tosca`. Ihr Temperament hat ihr zwar in Fachkreisen den Spitznamen `Draculette` eingebracht, aber um es so weit zu bringen wie sie muss man sich schon mal `durchbeißen`. Dann wären da noch Lucia Popp, welche so einen unverwechselbaren klagenden Unterton in ihrer Stimme hatte, der einen direkt ins Herz trifft sowie Diana Damrau, die mich als `Königin der Nacht` sehr überzeugt hat und Waltraud Meier, eine exzellente Wagnerinterpretin, um mal hier die für mich wichtigsten zu nennen.“

Überhaupt: Würdest sich Dörthe Künstlerin umschreiben, die auch auf kreativer Ebene mit großer Selbstsicherheit in sich ruht? „Beim Vertonen von Gedichten weiß ich schon sehr genau was ich tue, habe konkrete Vorstellungen, aber auch einen sehr hohen Anspruch. Und da kann man sich bei aller künstlerischen Erfahrung auch schon mal selbst im Weg stehen. Darum ist es für mich als Künstlerin wichtig, mich selbst auch ab und an in Frage zu stellen und neu herauszufordern. Das ist immer gut für die künstlerische Entwicklung und Kreativität.“

Sie phrasiert sozusagen mit Herz und Seele, sonst würde Oktavenmeisterin Dörthe wohl kaum solche beseelten Nuancen zustande kriegen. Ich frage die Dame, wenn sie also vokalisiert, beim Üben oder live, ob sie sich damit auch so manches Mal Frust oder Leid von der Seele singt? Oder gar Freude?

„Tiefgreifende Erfahrungen, an denen man gewachsen ist, wirken sich durchaus positiv auf die Ausdrucksfähigkeit aus und man ist dann – wenn man wieder etwas Abstand zum Geschehenen hat – in der Lage mit Herz und Seele zu singen. So kann es durchaus schon mal vorkommen, dass mein Make Up völlig hinüber ist, wenn ich meine Lieblingsarien geübt habe. Ich bin dann völlig selbstvergessen und gebe mich ganz der jeweiligen Stimmung hin. Freude beflügelt natürlich sofort, wer hat nicht schon mal aus purer Freude lauthals gesungen? Also egal ob Freud oder Leid – da geht es dem Sänger wie jedem anderen Menschen.“

Apropos, kennt ein Mensch wie Dörthe Flemming überhaupt so etwas wie Frust?

Die Musik von Bacio Di Tosca ist ja nicht gerade fröhlich. Sie bekennt:

„Ich denke, jeder Mensch kennt Frust. Die Frage ist dabei wohl eher, wie gut man damit umgehen oder ihn aushalten kann. Ich bin in der glücklichen Lage, mit Bacio Di Tosca ein Ventil zu haben. Außerdem gibt mir in kritischen Situationen meine Familie Kraft und Rückhalt. Sie holt mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und zeigt mir was neben der Musik im Leben noch zählt.“

Wir gehen ausgleichender Weise konkret zum Thema Freude über. Und die Künstlerin gewährt dazu einen Einblick: „Als Teenager wollte ich immer die Welt verändern, musste aber einsehen, dass es Dinge gibt auf die man keinen Einfluss hat. Umso mehr weiß ich heute die kleinen Dinge und Freuden des Lebens zu schätzen: So freut es mich zum Beispiel morgens neben meinem Mann aufzuwachen. Oder wenn ich die Kinder in unserem Apfelbaum sitzen und genüsslich frisch gepflückte Äpfel essen sehe. Oder wenn ich einen schönen Abend mit Freunden verbringe. Auch freut mich beispielsweise das schöne ehrliche Lächeln meiner Nachbarin; überhaupt, herzlichen Menschen zu begegnen. Ich bin unendlich dankbar für all diese schönen Momente, weil sie nicht selbstverständlich sind und ein einziger Augenblick mein Leben komplett verändern oder gar auslöschen kann.“

Und was Bacio Di Tosca im kommenden Jahr 2010 anbelangt, da steckt Dörthe glücklicher Weise voller positiver Stimmungen: „Zunächst mal hoffe ich, dass mein neues Album vielen Menschen eine Freude macht und vielleicht auch ein Stück weit so viel bedeutet wie mir! Auch freue ich mich natürlich riesig auf die kommenden Live-Auftritte, das ist immer eine besondere Freude für mich die Lieder live zu präsentieren!“

© Markus Eck, 09.12.2009

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