Top
Interview: BACIO DI TOSCA
Titel: In den Spuren alter Meister

In den künstlerisch hochsensiblen Schaffensbereich der Neoklassik wagen sich in Gothic- und Darkwave-Gefilden nur die Allerwenigsten.

Denn dafür reicht es eben nicht, den überlaufenen Genre-Mainstream trickreich und erfolgsprofitabel zu rezitieren. Nein, dazu bedarf es schon einer gehörigen Misch-Portionierung an Ausnahmetalent, immenser Hingabe sowie feinfühliger Intuition und weitreichendem Intellekt. Die zu Großem fähige deutsche Sopranstimme Dörthe Flemming ist mit genannten Schaffensbedingungen überreich gesegnet – was jüngst in ihrem grandios emotionalisierten Solo-Debütalbum „Der Tod und das Mädchen“ gipfelte.

Ein nicht nur meisterlich besungenes, sondern auch mit vortrefflichem Stimmungsgespür ausarrangiertes Herzschmerz-Artefakt, welches zutiefst verwurzeltem Romantikdenken entspringt. Fakt ist: Von solcherlei aufwühlend trauermelodischen sowie derart seelenvollen Stimm- und Klangdarbietungen können die meisten der heutigen Genre-Repräsentanten wohl nur leidvoll schmachtend träumen.

Aus ihren klangfarbenreichen Träumen wiederum erwecke ich die verzückt schwelgende Dörthe mit einer betont sanft geflüsterten Befragung.

„Insgesamt kann ich sagen, dass ich sehr zufrieden damit bin, wie es für mich die letzten Jahre gelaufen ist. Auch wenn es nicht immer leicht war. Eine musikalische Laufbahn ist nämlich ein bisschen wie Achterbahn fahren. Es geht auf und ab in rasantem Tempo. Da braucht man schon Nerven. Nach meinem Gesangsstudium war ich einige Jahre im Volkstheater Rostock engagiert. Dann kam die Geburt meiner Kinder und ich war froh darüber, eine Pause vom Theaterbetrieb einlegen zu können. So glamourös die Welt des Theaters auch nach außen hin wirkt, von innen betrachtet bietet sie doch recht wenig Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung als Künstler“, weiß die Sängerin zu übermitteln.

Mit eigenen Kindern ist laut Aussage von Dörthe nichts mehr wie es vorher war und man setzt sich ganz andere Prioritäten. Dadurch kam es für sie zu einem persönlichen Reifeprozess:

„Meine Weltanschauung und damit auch meine Musik sind authentischer geworden. Heute bin ich viel gelassener und konzentriere mich auf Dinge die wirklich wichtig sind: Nämlich auf meine Familie, auf meine eigene Musik, und weniger darauf, was andere Leute über mich denken oder das Streben nach materiellen Dingen.“

Eine klassisch ausgebildete Stimme wie die von Dörthe erfordert laut ihrer Meinung schon regelmäßiges Training, das ist wie im Leistungsport. „Schließlich ist diese Gesangstechnik darauf ausgelegt über ein Orchester hinweg Opernhäuser ohne Mikrofon zu füllen. Mit zwei Kindern war es natürlich nicht immer leicht das nötige Training fortzusetzen, aber wo ein Wille ist findet sich auch immer ein Weg. So kamen zumindest meine Kinder schon in meinem Bauch in den Genuss von Händel, Mozart und Puccini.“

Es war schon immer ein Traum der Vokalistin, wie sie berichtet, kreativ inmitten von kreativen Menschen zu sein, die den Geist beflügeln und nicht runterziehen. „Zu diesem Kreis gehört vor allem mein Mann, der stets an mich geglaubt hat, auch wenn ich manchmal am liebsten alles hingeschmissen hätte.“

Im Theaterbetrieb ist man leider sehr fremdbestimmt, wie Dörthe bedauert. Sie erzählt dazu Wissenswertes:

„So ist man da eigentlich überwiegend nur die Marionette von Regisseuren, welche die Bühne leider oftmals dazu missbrauchen, um ihren Kindheitspsychosen zu frönen. Das Ergebnis entspricht dann jedoch nicht meinem eigenen Kunstverständnis, was nicht selten innere Konflikte in mir ausgelöst hat. Mit Bacio Di Tosca habe ich den kreativen Prozess nun endlich selbst in der Hand und muss mich nicht mehr verbiegen.“

Bedeutet dies am Ende, dass sie, exakt so wie der Autor, die beinahe ausnahmslos entseelte und profitgierig verkommerzialisierte Pseudo-Kunst der Moderne, aus tiefstem Herzen heraus verabscheut? Sie stockt, dann kommt der Redefluss wieder in Gang:

„Nun ja, so radikal würde ich es jetzt für mich nicht formulieren wollen, aber so ganz kann ich mich dem auch nicht entziehen. Die Grenze meines Geschmacks ist definitiv erreicht, wenn jemand vor laufender Kamera eine Katze ersäuft und das als Kunst bezeichnet. Kunst hat für meine Begriffe sehr viel mit Ehrfurcht zu tun, auch mit Ehrfurcht vor der Schöpfung. Es ist schlimm, dass die Menschen heute offensichtlich so abgestumpft sind, dass es solcher Tabubrüche bedarf, um überhaupt noch eine Regung in ihnen zu erzeugen. Es gab Zeiten da reichten dazu noch ein paar bunte Bleiglasfenster, Weihrauch und Choräle aus“, schwärmt Dörthe mit Recht.

Die aktuellen Lieder für Bacio Di Tosca sind demnach aus der edlen Idee heraus entstanden, alte Kunstformen wieder etwas mehr in den Mittelpunkt zu rücken. „Die Wahl der in Frage kommenden Texte kam dann mehr aus dem Bauch heraus. Für mich ist der emotionale Bezug zu einem Gedicht das ich vertonen möchte sehr wichtig. Musik und auch ganz allgemein Kunst ist für mich die Sprache der Seele. Ich möchte Musik machen, die Empfindungen des Hörers ausdrückt, für die er keine Worte findet. Die Redewendung `sprachlos sein` kommt ja nicht von ungefähr. Es gibt eben Emotionen, für die einem die Worte fehlen. Aber wenn man sie nicht ausdrücken kann, drücken sie einem auf die Seele. Schon Shakespeare sagte: `Gram, der nicht spricht, presst das beladne Herz, bis das es bricht`. Es ist mir wichtig mit meiner Musik eine Art Ventil für das Gefühlsleben des Hörers zu bieten. Das ist für mich überhaupt der Sinn von Musik“, bricht es überraschend impulsiv aus der feingeistigen Frau heraus.

Und ihre zugrunde liegenden Inspirationen bezieht diese feinsinnige Künstlerin nicht nur aus der Musik an sich: „So schwärme ich sehr für Bilder von Caspar David Friedrich, der es wie kein anderer verstanden hat die düsterromantische Stimmung, die ich auch mit Bacio Di Tosca ausdrücken möchte, darzustellen. Nach wie vor inspiriert mich auch das einzigartige fast morbide Fluidum meiner Geburtstadt Berlin, welches die Band Element Of Crime in genialer Weise in ihren Liedern einzufangen vermag. Für mich sind sie die Helden des modernen deutschen Liedtextes.“

Besonders fasziniert ist sie natürlich aber auch von alten Komponisten, deren Werke aus den allgemeinen Kompositionen ihrer jeweiligen Epoche hervorstachen:

„Deren Musik man hört und weiß: `Das ist Bach` oder `Das ist Mozart`, auch wenn man das jeweilige Stück vielleicht zum ersten Mal hört. Komponisten also, die eine eigene unverwechselbare Art den Zuhörer zu berühren haben – denn genau das ist es was aus einem meisterhaften Komponisten erst ein `Genie` macht. Und es war Mozarts Oper `Don Giovanni`, die das Schlüsselerlebnis zu meinem Entschluss bildete, eine klassische Gesangslaufbahn einzuschlagen. Im Laufe meiner Gesangsausbildung erschlossen sich mir dann auch Werke von Operngrößen wie Verdi und Puccini.“

Da liegt die Frage nahe, wie Dörthe zur einheimischen Klassik- beziehungsweise Sopran-Szene steht und welche Namen daraus die Sängerin privat gerne hört. Und auch, welche Musik sie ihren Kindern vorspielt. Wir erfahren:

„Inwieweit das kindliche Hören den späteren Musikgeschmack beeinflusst, wird sich bei unseren Kindern wohl erst in ein paar Jahren herausstellen. Mein Sohn zumindest steht momentan auf Tokio Hotel und das hat er, auch wenn mein Musikgeschmack breit gefächert ist, definitiv nicht von mir! [lacht] Überwiegend läuft bei uns zuhause natürlich Klassik, beispielsweise `Peer Gynt` von Edward Grieg mit der wunderbaren Sopranistin Lucia Popp oder für meine Kinder `Peter und der Wolf` von Prokofjew. Allen voran aber meine Lieblingsoper `Tosca` aus der auch der Gruppenname Bacio Di Tosca entstammt.“

Sehr wichtig ist für Dörthe bei einer Opernaufnahme die Ausdrucksfähigkeit der Gesangssolisten, wie sie mir anvertraut. „Auch wenn der neue Opernstar Anna Netrebko unbestreitbar gut singt, was die Beseeltheit der Stimme angeht, ist und bleibt Maria Callas mein unangefochtenes Ideal. Da kann die Aufnahme auch ruhig mal rauschen und knacken.“

Mich als ebenfalls passionierten Klassikliebhaber interessiert zudem Dörthes Meinung dazu, woran es wohl liegen mag, dass „heutzutage“ offenbar niemand mehr in der Lage ist, die große kompositorische Klasse der alten Meister wie Vivaldi, Mozart oder Beethoven zu erreichen. Ich rege dazu noch an, ob es die primär gewinngierige Musikindustrie erst gar nicht zulässt, weil dadurch die alten Klassiker entmystifiziert werden könnten.

Die Antworten kommen rasch: „Komponieren war früher noch richtige `Handwerksarbeit`. Da gab es speziell im Barock strenge Tonsatzregeln an die man sich halten musste. Die Kunst war es, aus diesen starren Formen dann beseelte Musik zu machen. Das bedurfte schon einer gewissen `Meisterschaft` auf diesem Gebiet, die heute wahrlich nicht mehr von vielen erreicht wird. Glücklicherweise gibt es aber auch heute noch Komponisten, die sich hinter den alten Meistern nicht verstecken müssen, wie beispielsweise Nicholas Lens. Das Bestreben eines jeden Unternehmens ist es nun mal einen Profit zu erwirtschaften, das kann man niemandem zum Vorwurf machen. Schade ist es allerdings, wenn der Profit dazu verwendet wird, mit aufwendigen Medienkampagnen Retortenbands zu bewerben und nicht langfristig in die Förderung junger, talentierter Künstler investiert wird.“

So kann sie ihre Enttäuschung über die musikalische Entwicklung in der (Neo)Klassik-Szene nicht verhehlen: „Und ich weiß auch, dass ich damit nicht allein bin. Vielen Szene-Anhängern aus meiner Generation geht es da genauso. Aber ich würde auch nicht sagen, dass jüngere Hörer mit solcherlei Klängen wie von Bacio Di Tosca nichts anfangen können. Inzwischen habe ich nämlich sehr zu meiner Freude feststellen dürfen, dass auch viele `Einsteiger` für anspruchsvollere Klänge sehr offen sind. Es gibt glücklicherweise auch noch junge Menschen, die sich der Szene nicht nur deshalb zuwenden weil es gerade `in` ist.“

Die Liedertexte auf „Der Tod und das Mädchen“ entstammen ja allesamt von namhaften Dichtern; wäre es da nicht besser beziehungsweise authentischer gewesen, eigene Lyriken zum Tragen kommen zu lassen?

„Nein ganz und gar nicht, mir ist einfach bei der Beschäftigung mit alter Literatur aufgefallen, dass viele Dinge, die meinen eigenen Empfindungen entsprechen schon so wundervoll gesagt wurden. Es ist also vielmehr mein Respekt und die Ehrerbietung vor den unzähligen schönen Gedichten und Texten, die bislang noch unvertont blieben oder inzwischen schon in Vergessenheit geraten sind. In der Romantik haben Komponisten wie Brahms, Schubert oder Schumann einige dieser Gedichte als so genanntes Kunstlied populär gemacht. Bedauerlicher Weise ist die Form des Kunstliedes heute etwas aus der Mode gekommen. Mit Bacio Di Tosca möchte ich das Kunstlied wieder mehr ins öffentliche Interesse stellen.“

Denn das Kunstlied erfordert im Gegensatz zum Volkslied ausgebildete Sänger zum Vortrag, da es sehr anspruchsvoll komponiert ist. Dörthe expliziert hierzu:

„Denn im Gegensatz zum Volkslied, welches im Volksmund ohne bekannte Autoren entstand, ließen sich hier namhafte Komponisten von der Lyrik insbesondere deutscher Dichter inspirieren. Einige Dichter, denen seinerzeit nicht viel literarischer Wert beigemessen wurde, sind erst dadurch unsterblich geworden, dass ihr Werk Komponisten dazu bewegt hat es als Kunstlied zu vertonen. Die persönliche, emotionale Identifikation des Komponisten mit einem Gedicht spielte also wohl mehr eine Rolle als die allgemeine Wertschätzung des Dichters.“

Hauptsächlich wurden die Lieder für „Der Tod und das Mädchen“ von Dörthe selbst komponiert.

Ausnahmen bilden dabei das Lied „Red Water“ als Type O Negative-Coversong und der Titelsong „Der Tod und das Mädchen“, so die Sängerin im Weiteren.

„Hierbei habe ich die Originalvorlage von Schubert als Grundlage genommen und diese neu arrangiert. Der Song `Ophelia` ist zusammen mit meinem Bruder Hagen Flemming entstanden, sozusagen als Hommage an alte `Charitona`-Zeiten, wo er noch ein festes Bandmitglied war. Ich fand, dass es die ideale Musik zu dem Shakespeare-Text ist, den ich schon immer vertonen wollte. Ich arbeite bereits an ersten Songs für ein neues Album, bei dem ich dem Konzept, Gedichte zu vertonen, treu bleibe. Das zentrale Thema ist dann die Liebe in all ihren Facetten.“

Für nächstes Jahr 2008 sind sogar Bühnenauftritte von Bacio Di Tosca geplant. „Es wird aber keine große Tour geben, wohl mehr einige kleine Support-Acts. Das hängt aber noch davon ab, welche Agentur letztendlich das Booking übernimmt. Sobald es Termine gibt, werden wir sie bekannt geben. Ob wir bei unseren Auftritten auch eine besondere Show bieten? Das hängt schließlich davon ab, was sich an den Auftrittsorten realisieren lässt und wohl auch vom Budget. Nur soviel: Wer eine Latex- beziehungsweise Fetisch-Show erwartet, könnte massiv enttäuscht werden“, bekundet sie schmunzelnd.

Dem Autor soll das nur Recht sein, denn bei Bacio Di Tosca soll schließlich das Reine, das Schöne und das Anmutige absoluten beziehungsweise einzigen Vorrang haben. Entartungen unsäglicher Dekadenz haben da nichts zu suchen.

© Markus Eck, 15.10.2007

[ zur Übersicht ]

Advertising

+++

+++


+++

+++