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Interview: ATTIC
Titel: Ganzheitlich ernsthaft

Es ist heutzutage für allzu viele Verfechter „Moderner Spaßkultur“ kaum zu glauben, aber vor hunderten von Jahren mussten vor allem Frauen unvorstellbar entsetzliche Qualen erleiden, weil sie angeblich okkulte Neigungen in sich trugen.

Hexenzauber, Hexenverfolgung, Hexentürme, Hexenfolter, Hexenprozesse - Hexenwahn! Ein unglaublich abscheulicher, sadistisch geprägter Irrsinn von massenmörderischer Hysterie, welcher Hunderttausende von gepeinigten Seelen in den Feuerflammen der damaligen Scheiterhaufen im Namen der Kirche grausam vernichtete.

In der Gegenwart angekommen, kann man sich glücklicherweise den düsteren und übersinnlichen Belangen des Daseins - zumindest bislang - völlig hemmungslos hingeben, ohne gleich in einen muffigen Kerker geworfen zu werfen. Vom historischen „Hexenhammer“, dem völlig verblendenden „Leitfaden“ der römisch-katholischen Inquisitoren zu einem Albumhammer: „The Invocation“!

Aus dem unheiligen Taufbecken gehoben wurde diese bestechend inniglich und herrlich traditionell ertönende Heavy Metal-Veröffentlichung 2012. Und die faszinierend hypnotisch Kompositionen darauf stammen von leidenschaftlichen und hochmusikalischen Gelsenkirchener Überzeugungstätern des Okkulten, die ihrer Band den geheimnisvollen Namen Attic gaben.

„Mir geht es gut, danke der Nachfrage. Bezüglich „The Invocation“ sind wir mit Stolz erfüllt. Wir haben in dem Jahr vor der Veröffentlichung viel Zeit in die Band, das Songwriting und die Aufnahmen investiert. Ebenso haben wir uns viel Mühe bei der Ausarbeitung und den Details gegeben und sind dankbar, dass dies mit soviel Anerkennung entgegengenommen wird. Der Berg von Arbeit ist leider noch lange nicht absolviert, da aktuell viele Interviews zu beantworten sind, wir beinahe jedes Wochenende Konzerte spielen, dieser Tage beispielsweise die Tour mit Screamer zu absolvieren ist und wir uns zusätzlich noch mit Arbeiten und Studieren über Wasser halten müssen. Aber im Großen und Ganzen haben wir unseren Alltag und unser Leben soweit umstrukturiert und angepasst, sodass wir damit fertig werden und uns nach der Konzert- und Interviewphase der Arbeit an neuem Material widmen wollen“, legt Gitarrist Katte dar.

Der Autor ist bekennender Anhänger von King Diamond und Mercyful Fate seit den Anfangszeiten der beiden Formationen. Und er hätte wirklich nicht gedacht, dass es eine Band - zumal aus deutschen Landen - noch jemals schafft, an den zweifellos magischen Spirit der alten Tage dieser Bands anzuknüpfen! Kurz: Wie schafft man so etwas? Der Six-Stringer kann dies leider auch nicht klar beantworten. 



 „Wir verbinden einfach unsere musikalischen Einflüsse mit unseren Interessen und haben das Glück, dass unser Sänger diese Art von Falsett-Gesang ideal beherrscht. Wir versuchen einfach aufrichtige Musik zu machen und stellen uns nur den Anspruch, selbst zufrieden mit dem zu sein, was wir tun. Und es wäre sowieso unnatürlich für uns, anders vorzugehen.“

Somit danach befragt, ob alle Mitglieder von Attic ebenfalls Fans des Kings aus Dänemark sind, kommt es unumwunden aus dem Axeman heraus:

„Ich glaube niemand, der klassischen Heavy Metal mag, kommt um King Diamond herum, also ja, sind wir.“

Zu ihrem Sänger, der sich zurecht „Meister Cagliostro“ nennt, kann man den fähigen Gelsenkirchener Könnertrupp eigentlich nur beglückwünschen.

„Er singt wirklich mit Leidenschaft und ist dabei auch sehr professionell. Gerade auf Tour achtet er sehr darauf nicht zu viel zu trinken, nicht zu viel zu sprechen und seine Stimme zwischen den Konzerten gut regenerieren zu lassen, was bei dieser Art von Gesang wirklich von Bedeutung ist. Menschlich ist er interessant, kreativ, lustig, reflektiert und einnehmend. Man kann sich seinem Charakter sowie seiner Stimme kaum entziehen“, weiß Katte über den beschwörend singenden Vokalisten zu berichten.

„Burning the Ritualistic Fire since 2011“ ist das programmatische Motto der Gruppe. Was treiben diese Kerle wohl privat so alles außer der Beschwörung von dunklen Mächten? Der Gitarrist plaudert es gerne aus:

„Wie schon erwähnt gehen wir in unserem normalen Alltag dem Studieren und Arbeiten nach, aber was unsere privaten Interessen angeht, so lassen diese sich von Attic schwer abgrenzen. Wir sind große Fans klassischer Horrorfilme, interessieren uns für die Klassiker der Horrorliteratur und beschäftigen uns ernsthaft mit dem Studium des Okkulten. Unser privates Geld wandert also unmittelbar und beinahe ausschließlich in Tonträger, Bücher und Filme, während diese Einflüsse sich unmittelbar auf Attic ausüben.“



Der nachfolgende Dialog behandelt die Frage, ob Attic sich eigentlich vorab des Kompositionsprozesses zum aktuellen Album unter irgendeinen Druck gesetzt haben.

„Nein, ich denke mit Druck sollte man nicht an kreative Prozesse herangehen. Wir haben Ideen gesammelt und Songs geschrieben, mit denen wir zufrieden sein wollten. Waren wir uns bei Ideen unsicher, wurden diese verworfen oder überarbeitet, bis wir wirklich 100 % dahinter stehen konnten. Denn kein Musiker hat Freude daran einen Song immer und immer wieder live zu spielen, wenn er nicht zufrieden damit ist.“

In den eindringlichen Stücken der aktuellen Attic-Liederkollektion steckt literweise Herzblut und deutlich hörbar eben auch völlige Hingabe. Wie Katte dazu mit klaren Worten konstatiert, muss man für derlei Resultat auf jeden Fall mit Leidenschaft dabei sein. Wir erfahren:

„Um einen freien Kopf zu haben, der nur für die Musik da ist, müsste man sein ganzes Alltagsleben aufgeben können und über psychische Prozesse erhaben sein. Da dies aber schwer realisierbar ist, muss man sich damit begnügen, die Zeit in der man empfänglich für kreatives Arbeiten ist zu nutzen und darin aufzugehen. Ein Kopf, der nur für den Metal da ist, ist wahrscheinlich nicht schlecht. Aber wir schauen trotz primärem Metal-Konsum auch gern mal über den Tellerrand hinaus auf andere musikalische Gebiete, denn ein Tonträger von Bands wie Joy Division, Goblin oder Porcupine Tree kann einen manchmal weiter in die kreative Atmosphäre versetzen als zum Beispiel ein Thrash Metal-Song.“

Erfreulicherweise wurde das Album von den Fans solcherlei Klänge weitaus besser angenommen, als Attic sich dies je erwartet hätten, so Katte.

„Ursprünglich gingen wir davon aus, dass gerade der exzentrische Gesang viele Leute abschrecken wird und unsere Hörerschaft sich auf einen kleinen Kreis an 80er-Jahre-Metalfans beschränken würde. Aber wir bekommen wirklich Feedback von unterschiedlichen Leuten mit diversen musikalischen Hintergründen, die unser Album mögen. Es macht Freude zu erleben, dass man Leute, die sonst keinen traditionellen Metal hören, mit dieser Musik begeistern kann. Und genau darin sehe ich auch einen Vorteil an Ván Records, wo also Veröffentlichungsbandbreite und Hörerschaft eine breite Genrevielfalt aufweisen und wo die Qualität der Musik über dem Genre-Denken steht.“

Die beteiligten Musiker wissen laut Statement des Saitenreißers nicht, wie die durchschnittliche Erwartungshaltung heutiger jüngerer Fans aussieht, daher macht sich das Quintett darüber auch keine allzu großen Gedanken.

„Da wir aber selbst Fans sind, können wir uns zumindest an unserer eigenen Erwartungshaltung orientieren und versuchen dieser gerecht zu werden, sei es musikalisch oder auch Layout-technisch. Wenn wir der LP-Version ein 12x12“ Booklet beilegen, dann, weil wir es so mögen. Wenn die LP schwarzes Vinyl besitzt anstelle von zehn verschiedenen Farben, dann, weil wir es so bevorzugen. Und wenn die CD als Digipak und nicht als Jewelcase erhältlich ist, dann, weil wir Lust darauf haben. Vielen Bands werden gerade diesbezüglich Vorwürfe gemacht und es wird hinterfragt, was man sich so davon erhofft, bei uns lautet die Antwort darauf aber meist, dass die Dinge eben so umgesetzt werden, weil wir es als Fans so bevorzugen würden.“

Als der weitere Gesprächsverlauf dann schließlich und endlich darauf kommt, welche Bands aus dem Genre die Band Attic von Anfang an bis heute massiv beeinflusst haben, offenbart der Griffbrett-Enthusiast:

„Zum Teil konsumieren wir wirklich die obskursten und rarsten Veröffentlichungen und tauschen uns diesbezüglich aus. Aber ich denke, wenn es um massive Beeinflussung geht, läuft es auf Namen wie Iron Maiden, Judas Priest, King Diamond/Mercyful Fate, Dissection, Candlemass und Co. hinaus. Ansonsten einfach eine breite Mischung aus NWOBHM, US-Metal und Doom.“

Danach ganz gezielt darauf angehauen, worin er selbst die speziellen Stärken der neuen Attic-Scheibe sieht, extrahiert der Mann das Ganze:

„Das muss jeder, der die Platte mag, für sich selbst beantworten. Ich persönlich verbinde mit dem Album natürlich einen langen und intensiven Prozess, eine großartige Zusammenarbeit zwischen der Band, Ván Records, Produzent Mersus, Coverartist Markus Vesper, Fotografin Anna Krajewski und all den Leuten die hinter uns standen oder daran beteiligt waren. Für mich ist es einfach das Produkt vieler Arbeitsstunden und Erfahrungen, dass sich trotz allem zu einem perfekten Ganzen zusammenfügt.“

Die musikalischen Grundideen zu den Attic-Hymnen kommen in der Regel von Gitarrist Rob und Katte selbst. „Diese werden dann im Kollektiv ausgearbeitet, bevor Meister Cagliostro auf die bestehenden Song-Ideen die Gesangsmelodien und Lyrics schreibt. Es wird also jeder von uns mit einbezogen.“

Wie und wie lange der vorangegangene Kompositionsprozess zu „The Invocation“ im Großen und Ganzen ablief, das ist für den Gitarristen recht schwer zu sagen, wie er unumwunden bekennt:

„Das liegt primär daran, dass einige Songs der Scheibe ja schon aus der Demo-Zeit stammen. Aber ich schätze, dass es uns in etwa ein halbes Jahr gekostet hat, bis die Songs von den ersten Ideen bis zu den Aufnahmen geschrieben, erarbeitet und geprobt waren. Auf Höhen und Tiefen stößt man dabei regelmäßig, manchmal lässt sich eine Idee problemlos umsetzen und manchmal muss man die Arbeit mehrerer Wochen verwerfen. „Evil Inheritance“ war zum Beispiel der erste Song, den wir nach dem Demo begonnen haben und war der letzte Song, der vor den Aufnahmen fertiggestellt wurde - allein mit diesem Stück kann ich mich an viele Höhen und Tiefen erinnern, bis er unserer Zufriedenheit entsprach.“

Wir sprechen nun darüber, welchen primären thematischen Hintergründe die Attic-Songtexte haben beziehungsweise, wie sich die Band über Themen wie eben Okkultismus informiert, um lyrisch seriös zu sein. Es folgt die pure und reine Überzeugung:

„Da wir unsere Texte aus unseren Einflüssen heraus schreiben, sehen wir keine Notwendigkeit unsere Glaubwürdigkeit diesbezüglich unter Beweis zu stellen. Die Themen der einzelnen Songs werden der Grundstimmung der Riffs angepasst und manchmal ergibt sich daraus eine traditionelle Horrorgeschichte wie eben bei „Ghost Of The Orphanage“. Manchmal haben wir das Bedürfnis, einen Song mehrschichtiger zu gestalten und einen Zugang auf verschiedenen Ebenen anzubieten. Ist eine inhaltliche Idee gefunden, so schlagen wir einzelne Details nochmals in Büchern nach oder beschäftigen uns noch intensiver damit, bis wir gedanklich vollkommen in der Materie sind und daraus Kreativität schöpfen können.“

Welche Gefühle und Gedanken die Musik von Attic bei den Hörern erzeugt, kann man nicht festlegen, so der Gitarrist.

„Es ist uns einfach wichtig, dass das Gesamtprodukt stimmig ist und eine intensive Atmosphäre besitzt, in die der Hörer eintauchen kann. Letztendlich bleibt es jedem Hörer aber selbst überlassen, ob er sich unser Album nur beim Feiern und Trinken anhört oder sich am Abend in Ruhe in die Geschichten und Hintergründe vertieft. Musik kann ein guter Zugang zu einer Erlebniswelt jenseits der Realität sein, wie man dieses Medium nutzt ist dabei allerdings individuell.“

Das aktuelle Album wurde in Solingen im Studio von Mersus aufgenommen, seines Zeichens auch Drummer bei den Bands Deströyer 666, Gospel Of The Horns und Zarathustra. Attic kennen ihn bereits seit längerer Zeit, wie Katte darlegt.

„Er war auch bereits verantwortlich für die Alben von Death Fist, Ketzer, Erazor usw. Es war uns wichtig, dass das Album dynamisch produziert wird und nicht nach einer modernen Euro-Power-Metal-Produktion klingt. Und nach einem Gespräch mit Mersus wussten wir genau, dass er weiß worauf es uns ankommt und dass er dies auch optimal umsetzen kann. Die Lieder wurden in üblicher Weise Instrument für Instrument, Track für Track aufgenommen, während Unsauberheiten neu eingespielt werden mussten. Wir hatten relativ viel Zeit im Studio, sodass wir auch die Möglichkeit hatten alles zu unserer Zufriedenheit einzuspielen, ohne dass man schlechte Takes aus Zeitdruck verwerten musste.“

Was das intensive Befassen mit Studiotechnik und den damit verbundenen, immer vielfältigeren Möglichkeiten anbelangt, so gibt es laut merklich entspannter Aussage des Axemans viele Musiker, die diesbezüglich weitaus anspruchsvoller sind als Attic. Er fährt fort:

„Deshalb war es uns wichtig, dass wir mit Mersus jemanden hatten, der unsere Idee und Vision bezüglich des Albums mit uns teilt. Und der uns über das technische Know-how und die Möglichkeiten aufklärt und in Zusammenarbeit mit uns das bestmögliche aus den Songs herausholt, was ihm unserer Ansicht nach auch wunderbar gelungen ist.“

Am Ende des Interviews angelangt, fällt es dem ebenso ambitionierten wie anspruchsvollen Saitenzupfer deutlich schwer, Hoffnungen oder Erwartungen für den Rest des aktuellen Jahres zu formulieren:

„Denn wir haben ein Album veröffentlicht, dessen Feedback unsere Erwartungen weit übertroffen hat, wir werden von vielen Magazinen gelobt, haben Anfragen für großartige Festivals bekommen, spielen mit Bands zusammen von denen wir seit Jahren Fans sind und sammeln Erfahrungen mit denen wir vor einem Jahr absolut nicht gerechnet hätten. Uns ist es momentan wichtig, viele gute Konzerte zu spielen und den Leuten zu beweisen, dass wir auch eine gute Live-Band sind, bevor wir uns an die Ausarbeitung neuer Songs machen und der Kreislauf von vorne beginnt.“


© Markus Eck, 04.03.2013

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