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Interview: ATRITAS
Titel: Mit aller Kraft

Bei anspruchsvollsten Schwarzmetall-Kennern gelten sie berechtigt als eines der allerbesten Symphonic Melodic Black Metal-Kommandos überhaupt.

Und wenn die Schweizer Dunkelknechte Atritas wie jetzt wieder ein neues Studioalbum vorlegen, sollten ihren aufrüttelnd hochintensiven Künsten eigentlich sowieso sämtliche Genrehörer mit Hang zu Bombastischem konzentriert lauschen. Es lohnt sich sehr.

Denn auch „Celestial Decay“, das brandneue Bollwerk dieser Baseler Hassbolzen, wartet gleich mit haufenweise ergötzlichen Extremen auf. Darunter immens komplexe Strukturen, zügellos-wilde Riff-Exzesse und auch höllisch gute Melodien. Letztere sind verführerisch und einnehmend zugleich.

Sowohl Songmaterial als auch Attitüde und Authentizität dieser unbeirrbaren Stakkato-Horde stimmen zudem wie selten überein. Echte Lieder mit echten Lyriken von echten Kohlenkellerseelen. Allerhöchste Zeit scheint es also, dass diesen wirklich abartig ambitionierten eidgenössischen Takt-Rasern ein gehöriger breitenträchtiger Popularitätsschub zuteil wird.

Die künstlerischen Ambitionen der Band sind laut Aussage von Schlagzeugschänder Borris noch immer die gleichen:

„Wir streben nach Weiterentwicklung, ohne unsere Wurzeln zu verleugnen und wollen uns von nichts beirren lassen. Wir investieren dermaßen viel Zeit, Leidenschaft, Energie, Schweiß und Geld in Atritas, das wir mit den gegebenen Mitteln das Maximum herausholen wollen; mit einem Schnellschuss oder halbgaren Songs wird sich bei uns niemand zufrieden geben“, berichtet der flinke Trommelstockmann mit spürbar monumentalem Enthusiasmus im Blut.

„Die Situation betreffend der künstlerischen Ausrichtung und unserer Ziele für das neue Werk war diesmal insofern eine besondere, weil sich die Band nach dem Split mit den alten Mitgliedern, meiner Einarbeitung und der Umstellung, ein dauerhaftes Line-Up ohne festen Keyboarder zu haben, erst wieder finden musste. Allerdings geriet die Eingewöhnungszeit kurz und bündig, und der Elan, einen weiteren musikalischen Schritt nach vorne zu machen und sich mit Hingabe der Sache zu widmen, war sehr schnell wieder präsent.“

Etwas weniger Bombast sollte es diesmal sein, etwas weniger Opulenz, sowie direkter, schneller, aggressiver, entfesselter und ungezähmter, so der Drummer. „Das Vorgängeralbum „Medium Antigod“ war von der Produktion her Breitwandkino, mit massiven Keyboard-Arrangements, einer unglaublich dichten Atmosphäre und einer leicht psychotischen Note. Mit „Celestial Decay“ haben wir zweifellos das brutalste und schlagkräftigste musikalische Output in der Atritas’schen Diskographie erschaffen. Diese Tendenz begann sich beim Songwriting relativ früh abzuzeichnen: schneller, höher, weiter. Trotz aller Durchschlagskraft wollten wir allerdings unsere typischen Erkennungsmerkmale keineswegs außen vor lassen. So finden sich auf „Celestial Decay“ sowohl psychotische, verstörende Abschnitte als auch erhabene Momente und frostklirrende Gitarrenläufe. Einen in meinen Augen nicht zu vernachlässigenden Quantensprung hat auch der Gesang durchgemacht, der sich variabler, eigenständiger und giftiger als je zuvor manifestiert.“

Bezüglich persönlicher musikalischen Interessen kann beziehungsweise möchte Borris hier nur für sich sprechen: „Ich bin schlicht und einfach offener und toleranter geworden und wildere nun auch in musikalischen Gefilden, in welche ich mich früher nie getraut hätte, aus teilweise idiotischen Gründen. Ich kann nun an einem Tag Black Metal, Ambient, Post Rock, Avantgarde und Altarnative hören. Diese musikalische Horizonterweiterung ist sehr erfrischend, und ich hatte diese auch nötig.“

Wie der Fellklopfer noch weiter berichtet, sind Atritas aktuell genauso ambitioniert wie beim letzten Album an die Sache rangegangen.

„Absolut. Ich würde sogar behaupten, dass wir noch motivierter an die Sache herangegangen sind, weil das Kollektiv stärker und homogener war. Durch die Reduzierung der Mitglieder (kein fester Keyboarder mehr) und ein neues Gesicht – meines – kam frischer Wind in Atritas, und wir fanden schnell einen Konsens und die Richtung, in die das weitere Material gehen sollte. Dadurch, dass sich einige Songs doch deutlich von dem unterscheiden, was Atritas in der Vergangenheit erschaffen haben, sich neue Möglichkeiten hinsichtlich des Songwritings – insbesondere Geschwindigkeit! – boten und wir quasi neue Ufer erschlossen haben, war die Motivation umso größer, alles zu tun, damit das Ergebnis bestmöglich herauskommt.“

Das Songwriting zum aktuellen Album an sich lief im Grossen und Ganzen in gewohnter Manier ab, so Borris. „Der Mammutteil der Kompositionen oder besser gesagt die Grundgerüste der Songs stammen von den Gitarristen und unserem Sänger Gier, der viele der Arrangements auf dem Keyboard entwirft, die dann auf den Gitarren umgesetzt werden. Schlagzeug und Bass drücken dann anschließend dem Stück ihren Stempel auf, die Texte folgen zuletzt. Was sich allerdings schnell bemerkbar machte, war die Tatsache, dass mit dem neuen Line-Up und der neuen Konstellation Sachen umsetzbar waren, die vorher im Atritas-Kontext noch nicht vorhanden waren, was logischerweise ein Ansporn für jedermann war. Aus gitarrentechnischer Sicht und von der Geschwindigkeit des Schlagzeugs gingen diesmal alle Beteiligten an ihre persönlichen Grenzen, was eine absolut positive Erfahrung war.“

Das neue Frontcover-Artwork: Selten habe ich so einen auf den Punkt gekommenen grafischen Purismus mit solcherlei großartiger Ausdruckskraft zu sehen bekommen in diesem Genre. Zeitlos, symbolträchtig und kunstvoll. Borris hierzu:

„Das Kompliment geben wir gerne weiter! Erschaffen hat das Werk ein guter Kollege unseres Gitarristen Baal, Tom Rutschmann, Tätowierer von Beruf. Inspiriert von den Ideen unseres Sängers Gier, der die ersten Entwürfe zu Papier brachte und die Richtung vorgab, schwang er den Pinsel und kreierte dieses Ölgemälde. Nach einigen kleinen Korrekturen unsererseits war das Frontcover vollendet. Das Artwork als solches entstand dann in Zusammenarbeit mit Manolo Alonso, ebenfalls ein guter Kollege von Baal, der als Graphiker tätig ist und schon die Artworks für „Where Witches Burnt“, „Medium Antigod“ und die Kompilation „1999 – 2001“ gebastelt hat und auch diesmal einen super Job abgeliefert hat. In Natura wirkt das Bild übrigens noch besser, weil es deutlich größer ist als das Booklet-Format. Eine Vinylversion wäre schon alleine deshalb ein saugeiles Gimmick. Es passt zudem wie die Faust auf das Auge zum Albumtitel: Himmlischer Zerfall.“

Und wie sehr ist der Schlagzeuger mit dem vorherigen Album im Nachhinein zufrieden?

„Mit dem Album als Gesamtkunstwerk bin ich sehr zufrieden, dies aber nur aus Fan-Sicht, da ich daran ja noch nicht aktiv beteiligt war. Aber auch bei den anderen in der Band herrscht mehrheitlich Zufriedenheit vor, wenngleich es immer einige Elemente gibt, die man im Nachhinein anders gemacht hätte. Man darf aber auch nicht vergessen, dass „Medium Antigod“ unter weit weniger einfachen Umständen entstanden ist als „Celestial Decay“, weil es menschliche und musikalische Differenzen innerhalb von Atritas gab. Deswegen ist das vorzügliche Ergebnis umso höher einzuschätzen. Die Verkaufszahlen sind bescheiden, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Ich habe allerdings keine Vergleichszahlen und weiß daher nicht, wie viel andere Bands von unserem Kaliber absetzen. Am meisten verticken wir nach wie vor an Konzerten. Besonders an der Plattentaufe und den unmittelbaren Gigs danach haben uns die Leute das Album wortwörtlich aus den Händen gerissen. Irgendetwas an „Medium Antigod“ verdient haben wir allerdings bisher nicht, da die Produktionskosten hoch waren und wir auch jegliche Erzeugnisse wie Shirts oder Aufnäher aus eigener Tasche finanzieren.“

Da die Baseler Schwarzmetallsymphoniker auf „Celestial Decay“ vier verschiedene Lyriker integriert haben, also Borris, Sänger Gier, Bassist P. Magick und ein enger Bekannter der Band, der schon in der Vergangenheit für Texte verantwortlich zeichnete, ist das Spektrum, zumindest was die Art des Schreibens angeht, diesmal etwas breiter gefächert. Wir erfahren:

„Inhaltlich zielen die Texte allesamt in eine ähnliche Richtung, die Ausdrucksweise ist aber unterschiedlich. „Celestial Decay“ dreht sich um das Erkennen der eigenen satanischen Göttlichkeit, der teuflischen Hingabe an die Sünden, dem Erkennen, Reifen und Entwickeln des eigenen Selbst, die Suche nach Erkenntnis, die Erhabenheit der Blasphemie und das heuchlerische Wesen religiöser Dogmas. Ich persönlich habe keinen Lieblingslyriker im eigentlichen Sinne, ich lasse mich von allem, was in mir ist und was mich umgibt inspirieren. Das Schreiben ist für mich ein natürlicher Prozess, meine Texte sind Ausdruck von geistigen Bestandteilen meines Wesens, Gedanken, die durch meinen Kopf schießen und der Einstellung beziehungsweise dem Empfinden und den Emotionen, die mich zu dem machen, was ich bin. Natürlich werden nicht alle Texte aus meiner Feder für Atritas verwendet, weil ich mich beim Schreiben keinen Zwängen und Grenzen unterwerfe und deshalb nur ein Teil der Texte im Kontext von Atritas verwendbar ist. Ich kann jetzt nicht sagen, dass mich hierzu ein besonderer Film oder ein bestimmtes Bucht beeinflusst hat, obwohl dies wahrscheinlich unterbewusst der Fall ist und ich sehr viel lese – auch hier setze ich mir in Sachen Genres keine Grenzen: Von historischen Romanen über Klassiker und Fantasy-Ergüsse bis zu philosophischen Zeugnissen ist alles vorhanden – und auch regelmäßig Filme genieße. Bezüglich Inspiration muss ich noch erwähnen, dass P. Magick einen reichen Fundus an Literatur der magischen Thematik besitzt, der in seinen Texten auf jeden Fall Ausdruck findet.“

Die Kooperation zwischen Borris und den anderen in der Gruppe lief von Anfang an sehr gut, wie in Erfahrung zu bringen ist.

„Was sicher auch darin begründet liegt, dass ich die Leute schon Jahre vorher kannte und schätzte und somit nicht ein komplett Unbekannter war. Ich kannte die Struktur und das Wesen von Atritas also schon einigermaßen. Das hat sich bis heute nicht verändert, wir funktionieren als musikalisches Kollektiv, aber auch auf der zwischenmenschlichen Ebene sehr gut miteinander; wir sind nicht einfach fünf Typen, die halt zufällig zusammen Musik machen. Ich denke, es ist auch unabdingbar, dass man als Persönlichkeiten miteinander klarkommt und sich auf einer gemeinsamen Ebene findet, um eine Band lange und auf hohem kreativ-inspirativem und musikalischem Level am Leben zu erhalten.“

Bis auf den Bassisten P. Magick, der aus dem Innerschweizer Kanton Uri kommt, wohnen alle Bandmitglieder relativ nahe beieinander:

„So ist es auch logisch, dass wir uns mehrmals wöchentlich, also dreimal, in unserem Bunker in Basel zum Musizieren treffen. Unser Bassist stößt hinzu wann immer es ihm der Zeitplan erlaubt. Diese intensive Arbeitsweise hat sich bewährt, und wir werden wohl auch in Zukunft daran festhalten.“

Sein Drumming ist schneller denn je geworden; ich erkundige mich daher, wie viele Stunden Borris dafür pro Woche im Schnitt üben hat müssen. Er erzählt:

„Es hat eine ganze Menge an Schweiß, zerbrochener Drumsticks, zerrissener Felle und überreizter Muskeln gebraucht, bis ich auf dieses Niveau gekommen bin – mit dem ich aber bei Weitem noch nicht zufrieden bin. Es besteht nach wie vor großer Spielraum nach oben. Allerdings bin ich mit der Entwicklung an sich bis dato sehr zufrieden; als ich zu Atritas stieß, fing ich beinahe bei Null an und habe mir mehr oder weniger alles selbst beigebracht und angeeignet, mit der Unterstützung meiner Bandkollegen, die mich unablässig gepusht haben. Auf Stunden genau kann ich es nicht ausrechnen, aber es dürften einige gewesen sein! [grinst zufrieden] Idole würde ich es nicht nennen, aber es gibt diverse Schlagwerker, vor denen ich allergrößten Respekt habe. An erster Stelle ist Inferno von Behemoth zu nennen, der sensationelle Technik mit irrer Geschwindigkeit und fantastischen Ideen, was Breaks, Fills und Details angeht, paart. Auch Satyricon’s Frost imponiert mir, wie er auf den letzten Werken mit minimalen, fast primitiven Mitteln, Rhythmen und Beats eine maximale Ausdruckskraft erzeugen konnte. Des Weiteren gibt es viele Schlagzeuger aus dem Bereich Post Rock und Metal, die mir – allerdings auf ganz andere Art – allen Respekt abverlangen.“

Atritas waren bisher immer mehr oder weniger konstant auf den Brettern dieser Welt unterwegs. Borris konstatiert: „Wir definieren uns auch durchaus als Live-Band, und wenngleich die Meinungen zu diesem Thema innerhalb der Truppe auseinander gehen, so sind wir uns doch alle darin einig, dass es nichts Erfüllenderes gibt, als seine Musik, seine Kunst und somit auch seine Persönlichkeit live darbieten zu können – wenn die Umstände stimmen. Oftmals sind die technischen Voraussetzungen oder die organisatorischen Abläufe unter aller Sau, aber mit einer gewissen Routine lernt man, darüber zu stehen und sich auf den Auftritt zu fokussieren. Bei einem der erfolgreichsten, intensivsten und schlichtweg geilsten Auftritte in der Bandgeschichte standest du übrigens im Publikum, Markus: Die Plattentaufe zu „Medium Antigod“ war für alle Beteiligten ein großartiges Erlebnis. Ebenso die Konzerte im Z7 in Pratteln, mit Exodus, Hypocrisy, Jon Oliva und anderen Hochkarätern. Damals stand ich als Fan in der ersten Reihe! [lacht] Unser Publikum ist sehr unterschiedlich und sehr durchmischt. Wir haben sicherlich unsere Stammgäste, aber interessanter sind ja die Reaktionen derer, die uns noch nicht kennen. Letzthin beispielsweise bekamen wir außerordentlich positive Reaktionen in Lausanne, obwohl wir dachten, uns kenne dort kein Schwein. Mir persönlich ist aber das Verständnis und das Funktionieren der Band auf der Bühne wichtiger als die Zuschauer und wie sie sich am Konzert verhalten. Wenn ich merke, dass die Chemie stimmt, dass wir in der Lage sind, Atmosphäre aufzubauen und mit der Musik verschmelzen, ist es mir vollkommen egal, was die Leute vor der Bühne denken – das Zusammenwirken der Band hat für mich eine kathartische Wirkung. Euphorische Reaktionen sind ein Plus, ein gern genommener Bonus, haben aber für mich nicht Priorität. Optimal ist es natürlich, wenn sich Band und Publikum gleichermaßen in die Musik hineinsteigern – wie das an der Plattentaufe zu „Medium Antigod“ definitiv der Fall war. Einen Vergleich mit der steigenden Geistlosigkeit der Gesellschaft würde ich nicht machen, wenngleich sich auch in der extremen Musik der Trend zur Oberflächlichkeit kaum noch verleugnen lässt. Momentan steht noch nicht allzu viel Zukünftiges an, was Konzerte anbelangt. Veranstalter und Organisatoren dürfen gerne mit uns in Kontakt treten, am besten unter contact@atritas.ch!“

„Celestial Decay“: Ja, der Verfall dieses abartig machthungrigen und beängstigend korrupten Geldmachervereins zeichnet sich mehr und mehr ab.

Doch leider rückt gar noch Schlechteres beziehungsweise Menschenfeindliches nach, siehe heutige moderne TV- und sonstige Massenmedien mit all ihrer oberperfiden Verdummungs- und Perversionsstrategie. Borris legt seine ganz persönliche Sicht der Dinge dar:

„Es ist doch immer wieder so, dass man zur Auffassung gelangt, dass es im Prinzip nicht mehr schlimmer oder dümmer kommen kann und dann im nächsten Moment erlebt, wie sich diese These widerlegt. Von daher habe ich keine Ahnung, wohin das noch führen soll. Die Skala der geistigen Verblödung, der Sinnleere im Dasein vieler Menschen und das ekelhafte oberflächliche Leben nach irgendwelchen konstruierten Pseudowerten unserer Gesellschaft wie des Menschen im Allgemeinen ist nach unten scheinbar endlos offen, allerdings dreht sich die Spirale momentan schon beängstigend schnell. Ich bin mir sicher, dass einigen schlauen Hirnen immer wieder etwas noch Sinnloseres einfällt, um das Volk zu unterhalten. Ansehen kann ich mir gewisse Sachen allerdings trotzdem, und sei es nur, um mich an der unendlichen Dummheit der Menschen zu ergötzen. Mich tangiert das persönlich insofern nicht, weil ich mich nie als Teil irgendeiner Gesellschaft gesehen habe. Manchmal ist es aber auch derart peinlich, erbärmlich oder traurig, dass ich schlicht und einfach wegschalten muss.“

Da ist es zweifellos schwieriger, echt und zu sich selbst ehrlich zu sein, so der Schlagzeuger:

„Viel einfacher ist es, sich hinter Masken, Fassaden oder konstruierten Images zu verstecken. Jeder Mensch sollte eine Entwicklung durchmachen, in deren Lauf er erkennt, wer oder was er ist und sich von dem lösen, was aus irgendwelchen Gründen an ihm haftet, aber nicht zu ihm gehört. Die Persönlichkeiten bei Atritas sind echt. Du kannst dich mit jedem von uns unterhalten und wirst dies bestätigen können. Atritas ist der Ausdruck von uns, von einem bestimmten Teil in uns. Was aber auch bedeutet, dass wir uns nicht auf die Figur als Mitglied bei Atritas limitieren – jeder von uns hat verschiedene Facetten in seiner Persönlichkeit, von denen einige bei Atritas zum Ausdruck kommen. Dieses Limitieren auf bestimmte Gesichtspunkte ist eine der größten menschlichen Schwächen und eines der größten Versagen überhaupt. Einige erkennen dies und entwickeln sich entsprechend, viele aber eben auch nicht. Ich möchte den Begriff „echt“ übrigens keinesfalls mit „true“ übersetzt wissen, aber das sollte hier klar sein.“

Wir unterhalten uns nachfolgend über relevante Impulse des Genres Symphonic Black Metal beziehungsweise, ob diese mittlerweile überhaupt noch ausgesendet werden von den heutzutage musizierenden Repräsentanten.

„Ganz ehrlich: Ich denke, da existieren keine allzu großen Impulse mehr. Es gab in letzter Zeit auch keine Band aus dieser Ecke, die mich unglaublich von den Socken gerissen hat, wenngleich ich beispielsweise die deutschen Sycronomica sehr schätze und mag. Aber etwas richtig Innovatives, Packendes habe ich schon länger nicht mehr gehört. Ich muss auch sagen, dass ich Atritas nie als klassische symphonische Schwarzmetall-Kiste angesehen habe, ich fand – lange vor meinem Einstieg schon –, dass die Band etwas Eigenes hat, einen eigenen Charakter. Durch die Entwicklung und das vorliegende Ergebnis „Celestial Decay“ sind wir weiter als je zuvor davon entfernt, in irgendeiner solchen Schublade verpackt werden zu können. Und darum geht es mir prinzipiell: Wenn mir eine Band auf irgendeine Weise zusagt und mich anspricht, ist es mir egal, mit was für einem Etikett sie versehen werden. Wichtig ist, dass man eine eigene Identität hat. Im symphonischen Black Metal genauso wie im Post Rock.“

Laut Aussage von Borris befindet sich das Metier gar in einem wirklich erbärmlichen Zustand:

„Die Masse an unsäglichen Kindergruppen, die ihren Dreck vor allem über Plattformen wie MySpace unters johlende – sich allerdings auch gerne verarschen lassende – Volk bringen, ist unübersichtlich groß – genauso wie die Anzahl derer, die stumpf und plump zigmal Gehörtes wiederkäuen und nachplappern, ohne sich im Klaren zu sein, was sie da eigentlich machen und vor allem, was sie damit kaputtmachen. Von der kommerziellen Ausschlachtung des Black Metal durch gewisse Labels ganz zu schweigen. Dennoch gibt es für mich genug Bands, die mich vollkommen in ihren Bann ziehen und eine enorme Quelle der spirituellen und emotionalen geistigen Ebene darstellen, Fanatiker, die mit unglaublicher Leidenschaft, unbezähmbaren Willen und wahnsinniger geistigen Tiefe den Black Metal leben und erleben. Es sind Bands wie Funeral Mist, Deathspell Omega, Watain, Secrets Of The Moon, Blut aus Nord, Merrimack, Dark Fortress, Behemoth, Urgehal, Urfaust, Katharsis, Verdunkeln, Wolves In The Throne Room oder Traditionalisten wie Horna und Taake, die ihre Vision von Black Metal bedingungslos ausleben. Und solange solche Gruppen existieren, wird auch der Black Metal für mich eine Bedeutung haben. Und diejenigen, die wahrhaft und wirklich auf der Suche sind, werden diese Bands auch entdecken und ihre Energie und Inspiration daraus beziehen.“

Das Wort Verkommerzialisierung benutzt der Drummer in diesem Zusammenhang allerdings nur vorsichtig:

„Denn es wird relativ schnell als Argumentationskeule herausgeholt. Über Atritas wurde auch schon gesagt, wir würden alles nur fürs Geld machen. Was uns nicht mehr als ein ironisches Schmunzeln entlockt hat. Es ist allerdings wahr, dass aus Black Metal, wie aus allem anderen auch, versucht wird, ein Trend zu machen – möglichst einfach, möglichst billig und möglichst leicht zu konsumieren, überall und für alle und immer verfügbar. Dadurch wird dem Black Metal der Reiz, das Wesen und der Charakter genommen; die Spitze des Eisbergs sind dann Handy-Klingeltöne mit „Black“ Metal-Songs. Mich tangiert diese Kommerzialisierung eigentlich nur dergestalt, dass ich mich darüber aufrege und mich nerve. Ansonsten beweist diese Entwicklung nur, dass die Metal-Szene in vielerlei Hinsicht genau gleich oberflächlich und oftmals inhaltsleer tickt wie die Antipoden ebendieser Szene. Und zu beiden zähle ich mich nicht beziehungsweise nicht mehr.“

© Markus Eck, 29.10.2009

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