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Interview: ATOMTRAKT
Titel: Apokalyptische Visionen

Inmitten der heutzutage so schön „aufgeklärten westlichen Wertegemeinschaft“ existieren (trotz aller heftigen Gegenbestrebungen) noch immer stark idealistisch motivierte Individuen, die nicht alles als „geil“ und „cool“ empfinden, was die mächtige massenmediale Pervertierungsmaschinerie den Menschen global rund um die Uhr ins Bewusstsein einhämmert.

Hierbei hat man es auf musikalische Weise gar mit einem seltenen Paradebeispiel dieses widerspenstigen Geistestyps zu tun.

Denn die eiskalte Unmenschlichkeit, generiert von barbarischer Herzlosigkeit und mittlerweile omnipräsent geworden, konnte auch den Schweizer Christoph Ziegler bislang nicht am psychischen Kragen packen – sein Charakterprofil hat wohl Besseres zu tun, als sich mannigfaltigen konditionierenden gesellschaftlichen Wahnvorstellungen zu ergeben.

Unter dem einprägsamen Signum Atomtrakt veröffentlicht der schöpferisch vielfältig veranlagte Mann seit Jahren seine düsteren apokalyptischen Kreationen. Martialisch ertönende Industrial-Klangcollagen von zutiefst bedrohlicher atmosphärischer Anmut.

Ebenfalls mit geradezu gefährlich erscheinender misanthropisch beseelter Monstrosität einhergehend, sorgt auch Zieglers neueste Notenkollektion, die atemberaubend variantenreiche Liedersammlung „Sperrstelle Nordost“, somit für gleichfalls aufrüttelnde wie auch hochinteressante Hörmomente.

Misanthropie ist bekanntlich ein beschreibender Begriff. Ein von diesem Gemütszustand Befallener muss also beileibe nicht aggressiv, gewalttätig oder gar arrogant interagieren.

Und somit lösen auch die vielschichtigen Klänge auf besagter neuer Veröffentlichung, alles andere als eindimensional wirkend, gleich eine ganze Fülle an differierenden Empfindungen im Hörer aus.

Eingangs schildert Christoph, seines Zeichens künstlerischer Alleinverwalter des giftig rauchenden Atomtrakts, einen aus seiner Sicht idealen Tag.

„Grüss Dich Markus. Danke für das Zwiegespräch und Dein Interesse an Atomtrakt. Ein idealer Tag wäre für mich im Herbst oder Winter: Früh aufstehen, die Morgendämmerung geniessen, ein Weilchen raus in die Natur. Danach in eine urige Kneipe um gut zu essen und gutes Bier zu trinken. Am Nachmittag dann künstlerisch aktiv werden um gegen späten Nachmittag die Dämmerung erleben. Danach wieder gut essen und abends beziehungsweise nachts gute Musik produzieren.“

Atomtrakt ist noch immer recht unbekannt, wie nachfolgend von meinem Gesprächspartner zu erfahren ist.

„Das Projekt habe ich im Jahre 2003 als „Nebenprojekt“ gegründet. Seither sind jedoch viele Tonträger erschienen. Das „Problem“ bisher war, dass alle Tonträger in der „falschen“ Szene veröffentlicht wurden. Atomtrakt hat eigentlich nichts mit „Metal“ am Hut, jedoch wurden alle Tonträger bisher über Firmen veröffentlicht, welche im „Metal“-Sektor aktiv sind. Seit letztem Jahr ist Atomtrakt bei Steinklang unter Vertrag. Dieser Umstand wird vermutlich dazu beitragen, dass Atomtrakt auch in anderen Szenen besser bekannt wird. Ich weiss es jedoch nicht. Mir ist es nicht wichtig, möglichst bekannt zu sein. Die Qualität zählt. Es ist mir lieber, wenn die Musik lediglich von einer Hand voll Leuten gehört wird, diese jedoch die Musik schätzen und verstehen anstatt ein kommerzielles Massenprodukt zu sein. Der Atomtrakt-Stil ist ohnehin nicht dafür gemacht, ein breites Publikum anzusprechen. Die neue Scheibe wird vermutlich noch im Frühjahr dieses Jahres das Licht der Welt erblicken, über Steinklang.”

Das neue Album „Sperrstelle Nordost“ handelt thematisch, so Christoph, von der Region, in der er lebt.

„Die „Sperrstelle Nordost“ war im Zweiten Weltkrieg und auch im Kalten Krieg von nationaler Bedeutung für die Schweiz. Die ganze Region ist voll von Sperrstellen, Bunkern, Schiessanlagen, Panzersperren usw. Das Thema hier noch immer recht präsent und man findet in dieser Region unzählige Relikte aus der damaligen Zeit. Es gibt auch unzählige Literatur darüber. Es ist auf jeden Fall ein spannendes Thema. Die verwendeten Klangfetzen stammen ebenfalls aus der damaligen Zeit und enthalten beispielsweise Bombenklänge der Amerikaner auf Schaffhausen, eine Ansprache des damaligen Schweizer Landesvaters an die Bevölkerung beziehungsweise alte Rundfunkaufnahmen dazu usw. Das Ziel des neuen Albums ist es, diese Zeit erneut aufleben zu lassen. Das neue Album ist bedrohlich, martialisch, kalt, militant, bombastisch, erhaben düster und apokalyptisch. Alle Bilder dazu stammen auch aus dieser Region. Das ganze Album ist im Jahre 2008/2009 entstanden. Auch das darauf enthaltene Bewegbild, neudeutsch auch „Video“ genannt, versucht den Geist dieser Zeit erneut aufleben zu lassen. Alle Aufnahmen stammen aus der Gegend der Sperrstelle Nordost. Die neue Scheibe handelt generell von der Situation der Schweiz im Zweiten Weltkrieg beziehungsweise im kalten Krieg. Eine Zeit der Bedrohung, der Angst und der Ungewissheit.“

Momentan gibt es daneben laut Freigeist Ziegler wenig Neues von Atomtrakt zu berichten. Wir erfahren: „Das neue Album ist wie gesagt fertig und wartet auf die Veröffentlichung. Zum Album wird es limitierte Textilien, ein Plakat sowie eine spezielle limitierte Auflage geben. Im Frühjahr sollte es soweit sein. Ferner ist geplant, Atomtrakt noch dieses Jahr auf die Bühne zu bringen. Mal schauen, ob das klappt. Das Problem ist, alle Mitstreiter unter einen Hut zu bringen und Zeit zu proben zu finden. Sollte es klappen, werden die Auftritte mit Sicherheit spektakulär. Wir sind alle sehr beschäftigt und haben leider wenig Zeit. Im Jahre 2011 soll ein neues Album erscheinen. Allerdings ist es gegenwärtig noch zu früh, um darüber zu reden.”

Für die Texte gab es jedoch keine spezielle Inspiration, so der Initiator.

„Ich würde sagen, dass der Geist der „Sperrstelle Nordost“ einfach seine Wirkung gezeigt hat. Unzählige Besuche von Bunkern, Sperrstellen und anderen unterirdischen Anlagen haben wohl auch ihren Teil dazu beigetragen. Natürlich wird man von allem um einen herum irgendwie beeinflusst, aber eher unbewusst. Ich habe auch einiges an Literatur zur Sperrstelle Nordost hier. Ebenso Dokumentationen und unzählige Bilder.“

Die Lyriken der Kompositionen drehen sich somit um Ängste, Tod, Verderben, Ungewissheit, Bedrohung, Kälte, Krieg – und die Abscheu des Krieges.

„Die Texte stellen keine Kriegsverherrlichung dar. Es ist lediglich eine Aufarbeitung von Tatsachen. „Stunde 0“ beispielsweise handelt von einem Nachkriegsszenario. Der Stunde der Zerstörung und des gleichzeitigen Neubeginns – also von der Schwelle der Vergangenheit zur Zukunft. Textauszug: „Was einst war, ist nicht mehr. Was einst brannte, glüht nicht mehr. Was kommen wird, ist tiefe Trauer. Was werden wird, ist ungewiss.“ Das Stück „Trauermarsch“ handelt grob gesagt von Soldaten im Krieg, von Ihren Ängsten, der Kälte und der Vergänglichkeit. Zu diesem Lied wurde auch das Bewegbild gedreht. „Flug in den Tod“ handelt von Todesschwadronen, Bombern und den Angriff der Amerikaner auf Schaffhausen. Das Interesse and den lyrischen Themen der neuen Lieder war wie gesagt durch die „Sperrstelle Nordost“ vorgegeben.“

Auf künstlerischer Ebene zieht Ziegler seinen stockdunklen Atomtrakt sozusagen völlig im Alleingang hoch, mit Herz Seele. Gestaltet sich diese Arbeitsweise mitunter denn nicht sehr schwierig, Christoph?

„Alleine ist alles einfacher, würde ich sagen. Ich kann machen was ich will, wann ich will und wie ich will. D.h. es gibt keine Kompromisse mit anderen Beteiligten. Ich kann komponieren und aufnehmen wann ich will. Das ist ein grosser Vorteil. So gut wie alle meine Projekte sind Solo-Projekte. Das hat sich gut bewährt bisher. Solange das Interesse da ist, das Feuer noch brennt, sprudeln die Ideen weiter.”

Das neue Atomtrakt-Album ist laut Christoph weitaus dichter und atmosphärischer wie die Vorgängeralben „Schutt & Asche“ beziehungsweise „Nuklearchetyp“. Er berichtet:

„Die Produktion ist auch um einiges besser. „Sperrstelle Nordost“ ist auch abwechslungsreicher wie die Alben davor. Diese neue Platte ist sehr düster, bedrohlich, kalt und dunkel geworden. Aber auch die heroischen, atmosphärischen und orchestralen Aspekte kommen nicht zu kurz. Die Schlagwerk-Teile sind sehr bombastisch, oft Marsch-mässig. Auch der Einsatz von Akustikgitarren hat es bei Atomtrakt bisher noch nicht gegeben. Das ist bei „Sperrstelle Nordost“ zum ersten Mal der Fall.”

Dabei verarbeitet der Schweizer Kreative, wie er noch zu erzählen weiß, alles, was originell, gut und spannend ist.

„Ich beschränke mich dabei nicht auf spezielle „Szenen“ würde ich sagen. In letzter Zeit beziehungsweise die letzen Jahre höre ich gar nicht mehr so viel Musik, um ehrlich zu sein. Ich bin zu sehr mit der eigenen Musik beschäftigt, so dass oft gar keine Zeit bleibt irgendetwas anderes zu hören.”

Seine künstlerischen Ziele für das neue Albumwerk hatte der eigenwillige Urheber vorab sehr hoch angesiedelt, wie er das Ganze selbst resümierend einschätzt.

„Wie bei jedem neuen Werk… Das neue Album sollte auf jeden Fall die Vorgänger-Alben übertrumpfen. Das neue Werk sollte noch dichter, noch bedrohlicher, noch düsterer, noch bombastischer werden. Dieses Ziel habe ich auf alle Fälle erreicht, würde ich sagen. Ich bin mit dem Endresultat sehr zufrieden. Natürlich könnte man im Nachhinein noch vieles verbessern beziehungsweise anders machen. Ich bin jedoch rundum zufrieden so wie es nun ist. Das neue Werk kommt sehr apokalyptisch daher, würde ich sagen.”

Das weltweite Industrial/Ambient-Genre: Worin beziehungsweise in welcher Position sieht Ziegler Atomtrakt inmitten des Ganzen? „Das kann ich leider nicht beurteilen. Atomtrakt lässt sich sehr schwer einordnen. Das neue Album klingt sehr originell und mir fällt eigentlich nichts Vergleichbares ein. Mir ist es nicht wichtig, Teil irgendeiner Szene zu sein. Die Hörerschaft kommt auch aus ganz verschiedenen Ecken, würde ich sagen. Ende des aktuellen Jahres möchte ich jedenfalls mit Atomtrakt auf einer Bühne stehen und ersehne momentan die Veröffentlichung des Albums im Frühjahr.“

© Markus Eck, 04.04.2010

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