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Interview: ASTAROTH
Titel: Moderne musikalische Selbstbefriedigung

Beinahe nicht wieder zu erkennen, und das in absolut positivem Sinne, sind diese eigenwilligen österreichischen Black Metal-Extremisten.

Das neue Studioalbum „Organic Perpetual Hatework“ zeigt die seit einer Dekade aktive Rumpeltruppe von ihren bisher allerbesten kreativen Seiten. Astaroth liefern haufenweise ebenso ausgewogenes wie überzeugendes Songmaterial erster Güte ab.

Gegründet 1995, sorgten anfänglich plakative Veröffentlichungstitel wie „Christenfeind“ und „Sklavengott“ für erste Anerkennung im verschworenen Untergrund des Genres. Das letzte reguläre Album „Violent Soundtrack Martyrium“ erschien 1999, höchste Zeit also für diese unbeirrbaren Schergen, wieder von sich reden zu machen.

„Wir sind jetzt wieder in der komplett alten Besetzung bis auf unseren damaligen Sänger Berserker. Mit dabei ist Astaroth an den Drums, der ehemalige Myr-Tieftöner Beowulf am Bass und meine Wenigkeit“, freut sich Sänger, Gitarrist und Keyboarder Nemesis über die Wiederkehr seiner Truppe.

„Mit Metallica hat alles angefangen, mit Deicide ging es weiter und ein Immortal Konzert war dann der endgültige Auslöser um selbst Musik zu kreieren. Als wir damals angefangen haben, wollten wir eigentlich nur extreme Musik machen. Irgendwann hat es sich dann ergeben, dass wir eine Demo-CD aufnehmen konnten. Unser Traum beziehungsweise Ziel war dann eigentlich nur noch ein Label zu finden, auf dem wir unsere nächsten Alben veröffentlichen. Also haben wir unsere damaligen Ziele, wenn man so will, erreicht.“

Die Band gibt es jetzt wie erwähnt seit gut zehn Jahren. Zeit für einen Rückblick, wie ich finde:

„Astaroth hat sich aus Estatic Fear heraus gegründet, da mir diese Art von Musik einfach zu wenig war. Die anderen Mitglieder sind dann dazu gekommen. Von 1995 bis ´99 spielten wir dann in dieser Besetzung, bis wir uns Mitte 1999 voneinander trennten, auf Grund diverser Probleme. Ich suchte mir dann neue Mitstreiter und ging Ende ´99 ins Studio um „Violent Soundtrack Martyrium“ einzuspielen. Nach einigen Gigs mit Satyricon, Behemoth, Emperor usw. gab es aber auch mit dieser Besetzung Probleme. 2001 trennte ich mich dann von den Jungs und wieder einmal stand ich komplett alleine da. Damals beschloss ich eine lange Pause einzulegen. Ich blieb aber nicht unproduktiv und schrieb neues Material. Währenddessen wurde auch die Freundschaft zu den damaligen Mitgliedern wieder besser und enger, und so beschlossen wir einen Neuanfang miteinander zu versuchen. Wir trafen uns im Proberaum und studierten die alten und neuen Nummern wieder ein, um einige Gigs spielen zu können. Irgendwann 2003 war dann jedoch nach etlichen Konzerten bei uns allen die Luft draußen. Wir konnten nicht mehr und beschlossen endgültig aufzuhören. Doch irgendwie konnte ich die Finger von der Musik nicht lassen. Ich traf mich mit unserer alten Plattenfirma und spielte ihnen mein Material vor. Die Plattenfirma meinte es wäre gut noch eine Astaroth-CD zu produzieren, und so ließ ich mich dazu überreden noch eine Platte aufzunehmen. Irgendwann präsentierte ich auch den anderen mein neues Material und die Zustimmung war Groß, doch noch einmal ins Studio zu gehen. So kam es das wir 2005 doch noch eine CD aufnahmen.“

Nach all diesen Ereignissen und Erfahrungen, welche die Band miteinander gemacht hat, ist es für Astaroth laut Nemesis nur noch eine Art Selbstbefriedigung Musik zu machen. „Ohne Zwang, ohne spezielle Ziele oder Verwirklichungsabsichten. Wir wollen einfach nur extreme Musik miteinander machen, auf einem Medium welches professionell produziert wird. Moderner Black Metal, wie er heute klingen soll, mit Keyboards, Synths und elektronischen Elementen vereint, das ist jetzt unser Ding. Mir ist es egal, wer meine Musik hört. Wem sie gefällt, soll sie auch hören. Je mehr desto besser natürlich.“

Seit nicht geringer Zeit gibt es auf dem Musikmarkt eine richtige Schwemme an Black Metal-Veröffentlichungen, dem Sänger ist dies jedoch völlig egal. „Ich beschäftige mich nicht mit dem Musikmarkt. Es werden ja sowieso nur große Bands die Überschwemmung überleben können. Andererseits ist es gut, da es eine große Vielfalt an Möglichkeiten für den Hörer gibt, seine Favoriten zu selektieren. Mich stört das nicht. Je mehr Angebot desto mehr Vielfalt. Warum nicht? Irgendwann spezialisiert man sich ja sowieso nur auf eine handvoll Bands, die man immer hören will.“

Astaroth ist einer der großen Höllenfürsten. Er ist der Dämon der Schwarzen Künste und Verführung.

„Er reitet auf einem Hermaphroditen-Tier welches aus einer Schlange und einem Drachen besteht. Damals schien es der perfekte Name für uns zu sein, da die Schwarzen Künste natürlich auch mehr oder weniger mit Black Metal im weitesten Sinne beschrieben werden können. Heute bedeutet dieser Name für mich mein Sprachrohr, mein Medium, um mich kreativ ausdrücken zu können.“

„Organic Perpetual Hatework“ wurde im Studio beim Label der Band, bei CCP Records, aufgenommen. „Die Aufnahmen selbst haben mit Abmischen und Mastern ungefähr nur eine Woche gedauert, da ich alles schon vorher vorbereitet habe. Die Arbeit bei den Aufnahmen war wie immer ein Vergnügen und eine Bereicherung an Erfahrungen. Man lernt immer wieder etwas Neues dazu.“

Die ersten Reaktionen auf das neue dunkle Hammerwerk von Astaroth waren bislang sehr positiv, wie der Sänger bekundet. „Überhaupt wurde das neue Video, welches sich als Bonus auf der CD befindet, sehr gelobt. Es ist ein professionelles Video von einem Freund von uns und es ist sicher eines der Besten in diesem Bereich.“

Die meisten Songs von Astaroth entstehen am Keyboard. „Da ich sehr gerne am Klavier oder Synth arbeite und ich ja auch die meisten Songs für Astaroth schreibe, entstehen auch dadurch die meisten Ideen am Keyboard. Bauch- oder Kopf-Idee kann ich nicht trennen. Ich habe stets eine Melodie, die aus dem Bauch heraus entsteht und durch meinen Kopf, also durch mein Verständnis für Musik, dann vervollständigt und meinem Erachten nach, perfektioniert wird. Es geschieht also irgendwie.“

Einen typischen Astaroth-Song macht sicher die durchgehende Songstruktur aus, welche die Österreicher laut Statement von Nemesis schon seit ihrer ersten CD an Bord haben:

„Also Anfang, Refrain - auf den ich sehr viel Wert lege -, Mittelteil, wieder Refrain und Schlussteil. Eigentlich ein typisches Merkmal der Unterhaltungsmusik, was aber auch im Metal-Bereich nicht schlecht sein muss. Für mich wird dadurch die Musik eingängiger. Gerade im Black Metal-Bereich kann ich es nicht leiden, mir von Bands, ein sinnloses Aneinanderreihen von Riffs anzuhören, ohne jeden Wiedererkennungswert. Einflüsse für meine beziehungsweise unsere Musik finde ich überall. Am liebsten aber lasse ich mich durch Filme und deren Soundtrack inspirieren.“

Was die Bedeutung der Texte im Vergleich zur Musik anbelangt, da möchte mein Interview-Partner eigentlich keinen Unterschied machen. „Die Texte sind für mich sehr wichtig. Ich lese mir immer die Texte einer neuen Platte von einer Band durch. Wäre die Musik auch noch so gut, sobald im Text nichts rüber kommt oder nur blabla zu hören ist, hör ich mir den Song sicher kein zweites Mal an. Also da muss schon eine tiefere Bedeutung dahinter stehen. Ich würde es mir wünschen, dass sich die Hörer unserer neuen CD auch mit dem textlichen Konzept auseinander setzen. Sonst bräuchten wir ja die Texte auch nicht abdrucken.“

Jede Platte von Astaroth hat einen anderen Schwerpunkt, sowohl textlich als auch musikalisch. Bei der letzten CD ging es ja um den Krieg im Himmel zwischen den Engeln.

„Ich habe mich damals von einem Film dazu inspirieren lassen und besorgte mir auch dementsprechende Literatur dazu. Beim aktuellen Album ist es genauso. Ich sehe Filme und lese dann auch einige Bücher zu diesen Themen. Diesmal war es der innere Kampf zwischen Seele, Geist und Verstand. Auch ein bisschen `Matrix`-Philosophie ist drinnen. Da mich dieses Thema sehr beschäftigt. Es war mir ein großes Anliegen auch darüber mal textlich zu schreiben.“

Trends hin oder her, darum kümmert sich Nemesis wie gesagt überhaupt nicht. „Ich finde immer noch, das Englisch eine schöne Sprache ist – außerdem international, fast jeder versteht sie – und der Sprachfluss im Deutschen niemals so rhythmisch sein könnte wie im Englischen. Daher haben wir keine deutschen Texte, auch wenn es im Trend liegt. Ist aber meine subjektive Meinung. Jeder soll machen was er will.“

Unser Zwiegespräch nimmt nachfolgend eine völlig neue inhaltliche Direktive ein. Ich frage Nemesis daher, ob er glaubt, dass die heutigen Schafsherden-Menschen überhaupt noch einen „wirklichen" Zugang zur Spiritualität und den Mythen der Vergangenheit haben.

„Einige sicherlich, andere wieder nicht. Aber das muss man auch akzeptieren. Intoleranz wäre da völlig unangebracht. Man muss sich ja mit solchen Menschen nicht beschäftigen oder abgeben. Die, welche unsere Texte verstehen, beschäftigen sich sicherlich tiefgehend mit sich selbst. Andere wiederum können damit überhaupt nichts anfangen, was mir auch keine Kopfschmerzen bereitet. Ich weiß wenigstens, dass ich dann mit solchen Leuten nur Smalltalk führen könnte.“

Live-Aktivitäten sind derzeit noch nicht in trockenen schwarzen Tüchern: „Möglichkeiten wären sicherlich vorhanden. Nur fehlt es uns an Interesse und Lust, so wie früher kleine Konzerte irgendwo in unserer Umgebung zu spielen, wo sowieso immer nur dieselben Leute kommen, wenn überhaupt. Es gab Zeiten, wo man fast nur für die anderen auftretenden Bands spielte. Es war eine Art Inzest. So etwas interessiert mich heute nicht mehr. Es ist ja auch für eine Band immer ein riesiger Aufwand ein Konzert zu spielen. Ob großes oder kleines Konzert. Der Aufwand lohnt sich meistens nie bei kleineren Veranstaltungen. Wir sind aus diesem Alter einfach draußen. Was uns aber sicher Spaß macht, ist an größeren Events teilzunehmen. Früher hatten wir wie alle Black Metal-Bands Facepaintings und die dazugehörigen Accessoires. Heute haben wir andere Showeinlagen, die ich aber jetzt noch nicht verraten möchte. Man wird es ja sehen. Eine Tour wird eventuell in absehbarer Zeit geplant. Es gibt aber noch einige Schwierigkeiten. Was aber fix ist, ist das nächste Album. Ich arbeite gerade am neuen Material. Möglicherweise wird es Ende nächsten Jahres 2006 schon erscheinen. Nebenbei gestalte ich gerade zusammen mit unserem Produzent und unserem Regisseur eine DVD über zehn Jahre Astaroth. Wird sicher eine tolle Sache, auch für unsere Fans.“

Da es lange Zeit still um Astaroth war, sahen es die Mitglieder auch nicht als notwendig an, eine Internetseite zu haben. Jedoch: „Jetzt aber arbeiten wir gerade an einer neuen tollen Seite für die Fans. Nähere Infos werden diesbezüglich noch folgen. News und Infos über uns sind derzeit über die Homepage unseres Labels CCP Records zu erfahren und nachzulesen. Herzlichen Dank zurück für das Interview. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die an der aktuellen CD von uns mitwirkten. Ebenfalls gilt mein Dank denjenigen, die so geduldig waren und Astaroth immer noch die Treue halten.“

© Markus Eck, 18.11.2005

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