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Interview: ARCTURUS
Titel: Qualitative Homogenität

Seit jeher werden diese norwegischen Avantgardisten mit tiefstem Respekt als innovative Vorzeigekünstler gehandelt, und das beileibe nicht zu Unrecht.

Für das neue Studioalbum „Sideshow Symphonies“ wich nun der jahrelang favorisierte symphonische Progressive Black Metal einer gänzlich neuartigen Auslegung dieser Stilistik. Die ideenreiche Sternentruppe um Schlagzeuger Jan Axel Blomberg alias Hellhammer inszeniert ihr musikalisches State-Of-The-Art-Hörspiel mit instrumentell betont reifen Inhalten, erfüllt von betont opulenten und schwärmerischen Klangspektren.

Atmosphärischer und emotional ausufernder denn je zuvor, verdeutlichen die neuen majestätischen Kompositionen die außergewöhnlich aufgeschlossenen Ambitionen des Sextetts einmal mehr in schier verschwenderischer Pracht.

Seit Simen „Vortex” Hestnæs vor nicht allzu langer Zeit den Posten am Gesangsmikrofon übernahm, verfeinert der Vokalist den planetarischen Epiksound der aufwändig kostümierten Astralreisenden mit theatralischem Klargesang.

Doch auch sonst hat sich mittlerweile so einiges bei Arcturus geändert.

Vortex legt sogleich los: „Mir liegt es sehr am Herzen, gleich vorab klarzustellen, dass sich die Entwicklung in diese neuartige musikalische Richtung auf völlig natürlich Art und Weise innerhalb der Band vollzog. Experimentell waren wir schon immer, aber diesmal haben wir die Songs endlich mal in der von uns gewünschten Homogenität gleichwertig qualitativ aneinandergereiht.“

Jetzt schaltet sich Tieftöner Hugh Mingay ein: „In der Zeit vor dem neuen Album, und ganz besonders während des Kompositionsprozesses dafür, wuchsen wir als Band zu einer untrennbaren Einheit aus Künstlern zusammen. Simpel gesagt verstanden wir uns nie zuvor besser. Wir hatten die gleichen musikalischen Ziele, und auch die angelieferten Ideen der Einzelnen fanden in bisher nicht gekannter Häufigkeit Anklang beim Rest von Arcturus. Und wir wuchsen als Komponisten simultan mit der ansteigenden Harmonie.“

Wie Vortex anschließend informiert, sind Arcturus auf „Sideshow Symphonies“ auch mit der Gitarrenarbeit der beiden Saitenspieler Knut Magne Valle und Tore Moren überaus zufrieden.

„Speziell mit manchen Soli, die wirklich spitze geworden sind. Da unsere Musik stellenweise schon etwas psychedelisch ist, ist es wichtig, ebenso emotionales wie atmosphärisches und authentisches Gitarrenspiel dabei zu haben. Und sowohl der gute Knut als auch Tore haben hierbei wirklich ganze Arbeit geleistet“, lobt der Sänger seine beiden Bandkollegen.

Aus diesem Kontext heraus sichtlich auf den Plan gerufen, bringt sich Bassist Hugh recht rasch wieder in unser Gespräch ein. Er lässt mit eindringlicher Stimme verlauten:

„Unserer Meinung nach ist es natürlich schon toll, wenn man so dermaßen gut spielen kann wie beispielsweise Yngwie Malmsteen – doch die meisten Bands, deren Gitarristen auf solch hohen Level agieren, scheinen dabei gänzlich zu vergessen, dass kein noch so ausgefeiltes und technisch perfektes Gitarrenspiel jemals die vollkommen naturgetreue Vermittlung von Emotionen ersetzen kann. Und um Letzteres geht es uns nämlich im Speziellen. Daher verzichten wir allesamt nur allzu gerne auf endlose Demonstrationen unseres Könnens, wir möchten unsere Sache dafür lieber möglichst nachvollziehbar rüber bringen. Schließlich sollen die Hörer ja in eine ganz gewisse Stimmung gebracht werden, das funktioniert bestmöglich nur mit gänzlich beseeltem Spiel.“

Auf die neuzeitliche ausschließliche Verwendung von klaren Stimmlagen von mir angesprochen, entgegnet Meister Vortex unumwunden:

„Diese Entwicklung ging vor allem mit der großen Mühe einher, welche wir uns schon seit Längerem für die Songtexte geben.“ Der sehr sympathische Sänger neigt zur Untertreibung, schließlich schrieb er sämtliche Texte für das aktuelle Plattenerzeugnis komplett im Alleingang, wie er ganz beiläufig erwähnt.

„Für `Sideshow Symphonies` fiel dann die Entscheidung, nahezu ausschließlich mit Klargesang zu arbeiten. Die Leute sollen ganz genau verstehen, wovon bei Arcturus gesungen wird. Außerdem überlassen wir es auch zukünftig gerne den Abertausenden von anderen Bands, möglichst brutale und kompromisslose Alben zu machen. Vor allem wurde ja alles Mögliche im extremen Metal-Bereich bisher sowieso schon gemacht beziehungsweise vollkommen erschöpfend ausgelotet – etwas wirklich Neues kann man da nicht mehr inszenieren. Von daher machen wir lieber unser komplett eigenes Ding, und schöpfen darin unsere Möglichkeiten immer weiter aus. Dabei fühlen wir uns so richtig wohl. Wir wollten exakt so ein ausgereiftes und anspruchsvolles Werk wie `Sideshow Symphonies` erschaffen. Glücklicherweise hatten wir genügend Zeit dafür, immer wieder Veränderungen an den Songs vorzunehmen, die uns im Laufe der kompositorischen Entwicklung nötig und angebracht schienen.“

Wie man aufgrund der aufwändigen Konzeption von Arcturus und auch hinsichtlich des aktuellen Albumcovers wohl erwarten möchte, drehen sich Liedtexte der neuen Songs überwiegend aber um gar nicht so abstrakte Belange. Vortex präzisiert:

„Außer im letzten Song des neuen Albums, `Hufsa`, welcher durchgehend norwegische Lyrics erhielt, erzähle ich als Sänger aktuell eher von mir geistig reflektierte Geschichten aus meinem täglichen Dasein – wenn auch größtenteils mit tragischem Charakter. Beispielsweise also über einige Freunde von mir, die ich sehr mag: Wertvolle, aber sehr labile Menschen, die mental irgendwann komplett absacken und ihr Leben im Weiteren oftmals nicht mal mehr ansatzweise im Griff haben.“

© Markus Eck, 22.08.2005

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