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Interview: ANTICHRISIS
Titel: Auf purer emotionaler Basis

Einst 1995 in einem kleinen idyllischen Eifeldorf nahe der belgischen Grenze zum musikalischen Dasein erweckt, starteten die Aktivitäten unter diesem Bandnamen zunächst für kurze Zeit als Einmann-Projekt von Sid alias Moonshadow. Rasch gesellte sich anschließend eine Vokalistin namens Willowcat hinzu. Einem erfolgreichen Demonstrationstonträger folgte Anfang 1997 das Debütalbum „Cantara Anachoreta“, welches den anfänglichen Gothic Dark Metal-Stil mit Anleihen aus den Bereichen Doom Metal, Klassik und Folkloremusik fortführte.

Der melodisch verfeinerte und in Sachen Arrangements stark romantisierte Albumnachfolger „A Legacy Of Love“ zeigte Antichrisis von vielen neuen künstlerischen Seiten – was auch die keltischen Elemente auf dieser Scheibe offenbaren.

Nach dem dritten Langspieler „Perfume“ wurde es verdächtig still um Bandkopf Sid, welcher sich aufgrund diverser Rückschläge leider erst wieder im Jahr 2005 seiner visionären Liedkunst widmen konnte.

Im Zuge dessen wurde „A Legacy Of Love“ für eine abermalige Veröffentlichung neu eingespielt, welche unter dem Titel „A Legacy of Love Mark II“ das vermehrt ästhetisierte Soundgewand von Antichrisis darbietet.

Gegenwärtig agiert der tapfere Sid als Sänger, Akustikgitarrist und Tieftöner neben sechs anderen Bandmitgliedern. Ich bitte den ausgesprochenen Individualisten zum überfälligen Gespräch.

Wie er mir anfangs berichtet, geht es ihm mittlerweile wieder hervorragend, und das sowohl in Bezug auf sein Privatleben wie auch sein musikalisches Schaffen:

„Welche Charaktereigenschaften man mir nachsagt? Schwer zu sagen. Denn wenn einem etwas nachgesagt wird, dann meist nur hinter dem eigenen Rücken, und davon bekommt man naturgemäß nicht alles mit. Meiner eigenen Einschätzung zufolge bin ich ein ziemlich geradliniger Mensch – zumindest versuche ich mein Bestes, um so etwas wie Geradlinigkeit in meinem Leben zu bewerkstelligen. Daher hält mich vermutlich eine Hälfte der Leute, mit denen ich zu tun habe, für ein arrogantes Arschloch, während die andere Hälfte ziemlich gut mit mir klarkommen dürfte. Es hängt eben davon ab, inwieweit die Menschen damit klar kommen, dass ich meine Meinung klar und offen sage und meine Vorstellungen von den Dingen, die mir wichtig sind, so kompromisslos wie möglich umzusetzen versuche.“

Genau so gehört sich das. Sid gründete Antichrisis laut nachfolgender Aussage damals mit der Absicht, seinen Gefühlen auf bestmögliche Art und Weise musikalischen Ausdruck zu verleihen und dies unabhängig von irgendwelchen formalen oder stilistischen Beschränkungen. Wir erfahren:

„Darüber hinaus wollte ich Antichrisis von Anfang an mit jedem Album in einem anderen Licht erscheinen zu lassen, denn die verschiedenen Entwicklungsstufen meines Lebens spiegeln sich ja schließlich auch in meinen Songs wider. Der Name “Antichrisis” ist ein auf dem Altgriechischen beruhendes Anagramm, das sich mit "Heilige Tänze zu Ehren der Isis" übersetzen lässt. Mir gefiel die Doppelbedeutung dieses Bandnamens, denn Antichrisis könnte ja genau so gut für "Anti-Crisis", also "gegen die Krise" stehen. Im Gegensatz zu einigen anders lautenden Vermutungen hat unser Bandname also nichts mit "Antichrist" oder sonstigen sinistren Bedeutungen zu tun.“

Jetzt sollte jeder Bescheid wissen. Sid legt, in diesem Kontext resümierend, die wichtigsten Stationen des Werdegangs von Antichrisis dar.

„Antichrisis wurde wie gesagt von mir als Einmann-Projekt 1995 ins Leben gerufen. Innerhalb weniger Monate entstand mit Unterstützung von Gastsängerin Willowcat das 80-minütige Demo "Missa Depositum Custodi", das in einer Auflage von 500 Stück veröffentlicht und in Underground-Kreisen äußerst positiv aufgenommen wurde. Dieses Demo führte schnell zum ersten Plattenvertrag, und so fanden im bereits September 96 die Studioaufnahmen für unser Debütalbum "Cantara Anachoreta" statt. Ich spielte das Album mit Hilfe von Willowcat in 14 Tagen in einem Studio in der märkischen Schweiz ein. "Cantara Anachoreta" erschien im Januar 1997 und wurde von der Presse mit Lobeshymnen überschüttet. Im Sommer des gleichen Jahres lernte ich Näx kennen, der ein hervorragender Dudelsackspieler ist, und da wir musikalisch auf der gleichen Wellenlänge funkten, wurde er kurz darauf festes Mitglied bei Antichrisis. Diese Begegnung sollte sich schon bald als absoluter Glücksgriff erweisen: Zwar hatte die Musik von Antichrisis schon zuvor Folk-Elemente miteinbezogen, doch traten diese durch die bis dato konventionelle Instrumentierung nicht so stark in den Vordergrund. Nun aber kam mit Näx, der neben den Uilleann Pipes (das ist der irische Dudelsack) auch noch eine ganze Menge anderer folkloristischer Instrumente beherrscht, eine völlig neue Klangfarbe ins Spiel. Somit blieb als einziges Problem die Suche nach einer Sängerin, denn Willowcat hatte nur für die Aufnahmen von “Cantara Anachoreta” zur Verfügung gestanden und war darüber hinaus an einer weiteren Zusammenarbeit nicht interessiert. Doch im Frühjahr 1998 stand – nun unter der Flagge des österreichischen Labels von Napalm Records – die Produktion eines neuen Albums an, und noch immer war kein geeigneter Ersatz für Willowcat gefunden worden. Ich befand mich in der unglücklichen Situation, dass das Material für das neue Album schon längst fertig geschrieben und arrangiert war, jedoch die dazu passende Sängerin fehlte! Glücklicherweise konnte Napalm Records mit Lisa eine Kandidatin vermitteln, der ich kurz vor Studiobeginn die Demo-Tapes zuschickte und die während der im Frühjahr 1998 stattfindenden Produktion des Nachfolgealbums "A Legacy Of Love" zu uns stieß. Um "A Legacy Of Love" zu promoten, erfolgte im Frühjahr 1999 eine Tour, die Antichrisis gemeinsam mit Tristania, The Sins Of Thy Beloved, Siebenbürgen und Trail Of Tears quer durch Europa führte. Diese Tour stellte gleichzeitig die Feuertaufe für die kurz zuvor neu hinzugekommene Sängerin Dragonfly dar, da Lisa Antichrisis nach Beendigung der Aufnahme von "A Legacy Of Love" wieder verlassen hatte. Im Spätsommer des Jahres 2000 gingen wir erneut ins Studio, wo unter Mitwirkung von Tilo Rockstroh an den Keyboards, Jens Bachmann an der Gitarre und Jens-Nils Kuge an den Drums das dritte Antichrisis-Album "Perfume" entstand. Nach der Veröffentlichung von "Perfume" kam es infolge einiger privater und gesundheitlicher Rückschläge meinerseits zu einer längeren Funkstille: Durch die Trennung von Dragonfly war ich gezwungen, ein weiteres Mal nach einer neuen Sängerin Ausschau zu halten. Diese Suche zog sich leider länger hin als geplant; es kamen zwar immer wieder geeignete Kandidatinnen ins Spiel, doch aus den unterschiedlichsten Gründen wurde leider keine dauerhafte Zusammenarbeit daraus, so dass ich froh bin, dass wir nun mit Steffi erst kürzlich eine hervorragende Sängerin gefunden haben.“

Ich erkundige mich aus aktuellem Anlass, wann wohl wieder mit einem neuen Antichrisis-Album zu rechnen ist. Sid:

„Die Arbeiten an “The Legacy Remains” haben sich infolge des Sängerinnen-Problems leider ziemlich lange hingezogen: Die Instrumental-Tracks für dieses Album sind schon seit längerer Zeit im Kasten, doch durch die vermaledeiten Besetzungswechsel konnten wir die Gesangsaufnahmen nie zu Ende bringen; doch nun, da unsere neue Sängerin Steffi mit an Bord ist, steht einem Abschluss der Aufnahmen noch in diesem Jahr nichts mehr im Wege – und je nachdem, wie lange wir uns mit dem Endmix beschäftigen, sollte "The Legacy Remains" zumindest noch in diesem Jahr erscheinen.“

Im Anschluss daran setzen wir zwei inniglichen Musikliebhaber uns mit der neuzeitlichen Veröffentlichungs-Überflutung auseinander, welche mittlerweile leider in sämtlichen Musikbereichen breiten Einzug gehalten hat.

„Theoretisch sind die Möglichkeiten der Verbreitung besser geworden. Doch, ganz richtig, gleichzeitig ist die Flut von Veröffentlichungen derart gewachsen, dass Musik mittlerweile kaum mehr als Kunstform wahrgenommen wird: Da Musik heutzutage in jeder Form und an jedem Ort unbegrenzt zur Verfügung steht, hat sie an ideellem Wert verloren und stellt im Grunde genommen nur noch eine Art Geräuschkulisse dar, die je nach Bedarf und Stimmung ein- oder ausgeschaltet wird. So gesehen ist das Internet gleichzeitig Fluch und Segen: Zum einen ist es tatsächlich leichter, ein Publikum zu erreichen – man muss nicht mehr wie früher unzählige Demo-Tapes per Post versenden oder Flyer verteilen. Zum anderen reduziert das Internet die Musik zum Gebrauchs- beziehungsweise Wegwerfartikel, und so werden furzende Frösche, Gewalt verherrlichende Möchtegern-Rapper oder `gecastete` Kommerzprojekte zu Idolen einer Zuhörerschaft, die sich weitaus mehr für Klingeltöne, Mode, Klatschgeschichten oder Merchandising als für die Musik selbst interessiert; in der Vermarktungskette ist die Musik zum unbedeutenden "Nebenprodukt" mutiert.“

Die Stilistik von Antichrisis dagegen ist bekanntlich lobenswert eigenständig angelegt. Und Sid selbst tut sich daher recht schwer damit, seine eigene Musik kategorisch einzuordnen:

„Das liegt daran, dass tatsächlich jedes unserer bisher veröffentlichten Alben anders klingt: Die jeweiligen Songs spiegeln meine eigene Geschichte und meine Entwicklung wider, und auch die Musikstile, derer ich mich bediene, ändern sich je nach den Erfordernissen des jeweiligen Songs – die einzige Konstante ist so gesehen meine Handschrift als Songwriter. Die Musik von Antichrisis ist sehr emotional und enthält viele Einflüsse aus der englischen und irischen Folklore, doch darüber hinaus lässt sie sich kaum festnageln; denn je nachdem, welches Gefühl ich zum Ausdruck bringen möchte, entsteht entweder eine sanfte Akustikballade, ein wütender Rocksong oder eine von Energie geladene Tanznummer. Ich kenne zwar keine Band, die ähnlich klingt wie wir, aber ich denke, dass Bands wie Radiohead, The Magnetic Fields oder The Mekons einen ähnlich unkonventionellen Ansatz verfolgen, da sie ebenfalls sehr eigenständig klingen und sich nicht an dem orientieren, was ihnen seitens der Kritik oder durch Erwartungshaltungen des Publikums vorgeschrieben wird.“

Ich komme expliziter auf die erneute Veröffentlichung von „A Legacy Of Love“ zu sprechen beziehungsweise warum diese Scheibe überhaupt neu eingespielt wurde. Der Künstler legt dar:

„Um die Wartezeit auf das reguläre neue Antichrisis-Album "The Legacy Remains" zu überbrücken, entschloss ich mich, das 1998er Album "A Legacy Of Love" nochmals neu aufzunehmen, denn mittlerweile war Antichrisis ja zu einer richtigen Band angewachsen, so dass sich auch unser Sound stark gewandelt hatte – und um zu dokumentieren, wo die Band heute steht, schien mir die Neuinterpretation der alten Songs ein passender Weg zu sein. Und so kam es schließlich zur Veröffentlichung von "A Legacy Of Love Mark II"! Mit diesem Album ist uns die perfekte Umsetzung meiner musikalischen Visionen gelungen: Genau so hätte Antichrisis schon immer klingen sollen, doch dies wurde erst jetzt möglich, da aus dem ehemaligen Soloprojekt eine richtige Band geworden war und wir unter der Regie unseres neuen Labels Reartone Records ohne Termindruck oder sonstige Einschränkungen im Studio arbeiten konnten. Den Aufwand, den wir bei der Neueinspielung des Materials betrieben haben, hört man "A Legacy Of Love Mark II" auch an: Die Songs entwickeln in ihrer neuen Form einen unwiderstehlichen Sog und werden so zu Klangräumen, die man förmlich betreten kann: "How Can I Live On Top Of The Mountain?" ist schlichtweg einer der schönsten Soundtracks, der nie für einen Film verwendet wurde; für einen Folk Pop-Hit wie "Nightswan" würden R.E.M mittlerweile ihr letztes Hemd geben, "Our Last Show" hätte selbst den Doors zu ihren Glanzzeiten gut zu Gesicht gestanden, und wem nach der neuen Version von "Dancing In The Midnight Sun" nicht die Tränen in den Augen stehen, der hat wohl noch nie in seinem Leben wirklich geliebt. "Baleias Bailando" und "Planet Kyrah" stellen erneut unter Beweis, dass sich auch mit ungewöhnlichen Arrangements und Sounds großartige Pop-Songs kreieren lassen, während der bislang unveröffentlichte Track "End Of December" danach klingt, als hätten sich The Jam, Bruce Springsteen und die Pogues zu einer mitternächtlichen Jam-Session in einem Irish Pub zusammengefunden. Auf "Forever I Ride" verbinden wir Dire Straits-mäßige Gitarrensounds mit folkloristischer Romantik und metallischer Härte, wohingegen bei der Gewalt, mit der die Gitarren auf "The Sea" und "Trying Not To Breathe" losdonnern, in jedem Moshpit dieses Planeten die Hölle losbrechen müsste, ohne dass die Songs dabei an Eingängigkeit verlieren würden. "The Farewell" schließlich ist der wehmütige Abschluss des Albums, das nichts anderes als eine extreme emotionale Achterbahnfahrt darstellt. Der Zusatz "Mark II" soll das Album von dem ursprünglichen "A Legacy Of Love"-Album, das wir 1998 veröffentlicht haben, unterscheiden: Als wir seinerzeit "A Legacy Of Love" einspielten, bestand Antichrisis ja lediglich aus drei Leuten, nämlich aus Näx, der damaligen Sängerin Lisa und mir. Somit blieb das Einspielen fast aller Instrumente außer dem Dudelsack größtenteils an mir hängen, und da wir seinerzeit keinen Schlagzeuger hatten, musste eben ein Drumcomputer herhalten. Aus diesen Gründen klang "A Legacy Of Love" nie so ganz, wie ich es mir gewünscht hätte, denn dazu fehlte es an den instrumentellen und technischen Voraussetzungen. Darüber hinaus habe ich den Eindruck, dass "A Legacy Of Love" zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung nur von wenigen Leuten wahrgenommen wurde: Es gab damals keinen Trend, an den sich das Album hätte anhängen können, was ich allerdings nie als Nachteil empfand – ganz im Gegenteil: Aus genau diesem Grund klingt das Material auch heute noch in keinster Weise antiquiert, sondern nach wie vor zeitlos und eigenständig.“

Im Weiteren möchte ich von meinem herrlich erzählfreudigen Gesprächspartner wissen, wie er sich als sensibler und einfühlsamer Musiker in einer von beinahe unerträglichen Klischees getränkten und dabei qualitativ immer mehr verlotternden Musikszene fühlt beziehungsweise zurecht findet. Sid legt los:

„Ganz einfach: Ich ignoriere jedwede Art von Szene! Ich lebe zusammen mit meiner Partnerin und zukünftigen Frau relativ zurückgezogen, bewege mich nicht in einer bestimmten Szene und mache in musikalischer Hinsicht, was ich will, ohne dass mir dabei irgendjemand reinreden würde. Ob die Musikszene nun verlottert oder nicht, hängt letztendlich von allen Beteiligten ab – sowohl von Musikern, den Plattenfirmen wie auch dem Publikum. Jeder Musiker, der ein Album veröffentlicht, sollte sich zunächst dahingehend hinterfragen, ob er wirklich einen eigenständigen Stil entwickelt hat oder ob er eventuell nur bereits Vorhandenes kopiert – und ähnlich verhält es sich mit der Zuhörerschaft: Ist man wirklich bereit, Neues zu akzeptieren; einem Musiker oder einer Band zuzugestehen, dass eine Weiterentwicklung stattfinden und neue Wege beschritten werden können – oder möchte man wie von einem Leierkastenmann immer nur die ständige Wiederholung des Altbewährten hören, das dann wiederum natürlich auch von den Plattenfirmen bevorzugt wird. Ich denke nicht, dass die Musikszene heute schlimmer ist als beispielsweise in den Sechzigern oder Siebzigern: Auch heute gibt es jede Menge innovative Musiker mit guten Songs und tollen Ideen, die sich aber – wie auch schon in früheren Zeiten – nicht unbedingt kommerziell behaupten können beziehungsweise nicht den Erfolg haben, den sie eigentlich verdienen, weil sie sich nicht unbedingt um Charts-Kompatibilität bemühen. Bedauerlicherweise konzentrieren sich aber zu viele Bands und Künstler verstärkt auf Sounds statt auf Songstrukturen, so dass wirkliche Songwriter wie Lennon & McCartney, Leiber & Stoller oder Goffin & King [Jagger & Richards gehören da unbedingt auch noch dazu; A.d.A] heutzutage Mangelware sind. Mir selbst ist es schon oft passiert, dass ich mir eine der neuen Bands, die von der Musikpresse überschwänglich gelobt wurden, anhörte, und mir dabei dachte, dass das Material zwar erstklassig klingt und die Band über einen hervorragenden Sound verfügt, aber das nicht ein einziger Song im Gedächtnis hängen bleibt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mein Leben sich veränderte, als ich 1977 zum ersten Mal "Judy Is A Punk" von den Ramones hörte – ab diesem Zeitpunkt war nichts mehr wie zuvor; von heute auf morgen veränderte sich mein Leben komplett, denn ich hatte das Gefühl, endlich auf die Form von Energie gestoßen zu sein, die ich immer gesucht hatte. Und solche Anstöße gab's von da an immer wieder; es gab viele Songs, die mich zutiefst berührten und inspirierten: "One Last Caress" von den Misfits, "Duke Of Earl" von Gene Chandler, "New Dawn Fades" von Joy Division, "Thunder Road" von Bruce Springsteen, "Brand New Start" von Paul Weller, "With Whom To Dance" von The Divine Comedy" und "And I Won’t Run Away" von Attila The Stockbroker. Es gibt eben Songs, die einen, sobald man sie zum ersten Mal hört, die Welt mit völlig anderen Augen sehen lassen – als ob du plötzlich etwas wahrnehmen würdest, das du so zuvor nie wahrgenommen hast. Und das ist ja auch genau das Gefühl, das ein guter Song beim Hörer auslösen sollte. In dem Maße, in dem ein Song die Wahrnehmung des Hörers verändert, verändert er auch sein weiteres Denken und Fühlen: Vielleicht nicht unbedingt in politischer Hinsicht, aber dahingehend, wie jemand sein Leben führt, welche Einstellung er an den Tag legt und welche Attitüde oder Lebensgefühl er entwickelt.“

Dann bewegt sich das gemeinsame Gespräch in Richtung Ars Metalli, also des einstigen Labels von Antichrisis beziehungsweise dessen damaligen Inhaber Christoph Dobberstein.

„Gelegentlich tauschen wir noch Emails aus. Und ich muss gestehen, dass ich zunächst ziemlich erstaunt war, als ich von Dobbersteins “Metarmophose” – also der Geschlechtsumwandlung – erfuhr, weil ich Julia, wie sich Dobberstein heute nennt, eben jahrelang als Mann kannte, der im positiven Sinne sehr maskulin wirkte – doch letztendlich kann ich seine beziehungsweise ihre Beweggründe nachvollziehen, zumal niemand eine Geschlechtsumwandlung nur aus Jux und Dollerei vornehmen lässt. Da steht ein jahrelanger unbeschreiblicher Leidensdruck in Verbindung mit einem Identitätskonflikt dahinter, der von niemandem beurteilt werden kann, der sich nicht schon in derselben Situation befunden hat. Ich finde es jedenfalls toll und mutig von Julia, wie sie ihr Outing betrieben hat, auch wenn es wirklich traurig ist, dass sich viele alte Freunde, die Julia noch als Christoph, den Mann, kannten, von ihr abgewandt haben. Anscheinend ist es mit der angeblichen Toleranz mancher Menschen doch nicht so weit her.“

Darauf kann sich jeder selbst seinen ganz persönlichen Reim machen. Ich schwenke wieder um zu Sid selbst und frage ganz gezielt nach, was ihn auch heute noch im Innersten dazu antreibt, seine Musik zu kreieren. Es folgt Grundehrliches:

„Mein Antrieb besteht ganz einfach gesagt aus meinen Gefühlen, die sich ihren Weg bahnen wollen – und bei mir tun sie dies aus irgendwelchen merkwürdigen Gründen in Form von Tönen und Melodien. Idealismus spielt dabei eigentlich keine Rolle – die Songs "passieren" einfach. Dabei habe ich auch gar nicht das Gefühl, dass ich die Songs erschaffen oder schreiben würde; vielmehr bin ich nur eine Art Medium, durch das diese Lieder hindurchfließen; sie scheinen also in irgendeiner Form schon zu existieren. Zu der Zeit, als “Cantara Anachoreta” entstand, konnte ich meinen Gefühlen am Besten durch schwere Gitarren-Riffs und aggressiven Gesang Ausdruck verleihen, denn zu jener Zeit bestanden meine vorherrschenden Gefühle aus Wut, Ohnmacht und Verzweiflung. Allerdings habe ich sehr schnell gelernt, dass dies eine sehr eindimensionale Sicht der Dinge darstellt und versuchte daher, meinen Gefühlen einen differenzierteren Ausdruck zu verleihen und beispielsweise auch den positiven Aspekten des Lebens mehr Platz einzuräumen. Die vielfältigen Schattierungen in der Musik von Antichrisis rühren vor allem daher, dass ich beim Verfassen eines Songs niemals einer bestimmten Vorgabe folge: Manchmal bin ich selbst überrascht, in welche Richtung sich ein Stück entwickelt. Jeder Song wählt sich seinen eigenen Weg, indem sich der Inhalt die passende Form sucht – diese "Arbeitsweise" verhindert, dass Antichrisis auf eine fest umrissene Stilrichtung festgelegt werden kann. Zwar finden sich in meiner Musik sowohl Elemente von Gothic, Dark Wave, Folk, Metal, Electronica usw. wieder, dennoch lässt sich Antichrisis nie auf lediglich eine dieser Musikrichtungen reduzieren. In musikalischer Hinsicht ist mein Ziel vermutlich das, das jeder ambitionierte Musiker verfolgt: Die vergebliche Suche nach dem perfekten Song! Dieses Ziel wird man wahrscheinlich nie erreichen, aber man kann ihm zumindest recht nahe kommen. Auf diesem Weg möchte ich stets offen für Neues sein und mich nicht wiederholen – wohingegen ich beim Hörer lediglich erreichen will, dass ihn die Musik berührt und ihm Hoffnung und Zuversicht gibt. Ich möchte keinesfalls Musik machen, die deprimiert oder lediglich diagnostiziert, wie schlecht die Welt ist. Selbst in meinen traurigsten Songs versuche ich, den Silberstreif am Horizont durchschimmern zu lassen, denn Trauer ohne einen Funken Zuversicht hinterlässt nur ein schwarzes Loch in der Seele – und damit ist keinem geholfen! Meine Songtexte handeln somit wie gesagt schlicht und einfach von meinem Leben und meinen Erfahrungen. Aber ich möchte es lieber dem Hörer überlassen, die Texte zu interpretieren: Ich fand es schon immer langweilig, wenn ein Künstler sein Werk bis ins kleinste Detail erklärt und nichts mehr der Phantasie des Rezipienten überlassen bleibt. Aus diesem Grund verwende ich sehr gerne bildhafte Songtexte, weil sie die Vorstellungskraft ansprechen und eine stärkere Wirkung erzielen.“ In der Tat. Gut gesagt.

Wie der Musikus im Weiteren zu offenbaren weiß, so hört er sich selbst ein ziemlich breit gefächertes Spektrum an Musik an. Sei es nun Klassik, Folk, Reggae, Bhangra, Electronica oder sogar Britpop:

„Ich finde in nahezu jeder musikalischen Richtung Songs, die mir gefallen. Zur Zeit ist bei mir Bruce Springsteen’s neues Album “Magic” fast im Dauereinsatz, und auch “Lust Lust Lust” von The Raveonettes gefällt mit verdammt gut; “Sam’s Town” von The Killers war ebenso ein Hammer-Album wie “Our Love To Admire” von Interpol – und selbst “Gods Of War” von Manowar konnte ich trotz der peinlichen Texte in musikalischer Hinsicht etwas Positives abgewinnen. In Bezug auf deutschsprachige Künstler und Bands mag ich Schelmish, EA 80, Reinhard Mey, Kettcar, Lacrimosa und Bernd Begemann ziemlich gerne. Als Songwriter bin ich wohl am meisten von Künstlern wie Joe Strummer & Mick Jones, Stephin Merritt, Joel Gibb, Bruce Springsteen, Shane MacGowan, Billy Bragg, Ian Curtis, Kirk Brandon und Paul Weller beeinflusst worden, obwohl man deren Einflüsse aus meinen Songs vermutlich nicht unbedingt heraushört. In literarischer Hinsicht hingegen lese ich wahnsinnig gerne Terry Pratchetts `Discworld Novels`: Ob sie mich in musikalischer Hinsicht beeinflussen, wage ich zwar zu bezweifeln, doch Pratchetts hintersinniger britischer Humor, gepaart mit seiner humanistischen Warmherzigkeit, beeindruckt mich immer wieder aufs Neue. “A Hat Full Of Sky” oder “Small Gods” sind ganz einfach wunderbare Bücher – genau so wie “The Hitchhiker’s Guide To The Galaxy” von Douglas Adams, “High Fidelity” von Nick Hornby oder Sue Townsends “The Queen and I”. Neben meiner Arbeit mit Antichrisis bin ich übrigens auch als Produzent für ein deutschsprachiges Projekt namens Blindflug tätig, von dem es unter http://www.blindflugonline.de diverse Outtakes aus unserer aktuellen Produktion zu hören gibt.“

Für Sid bedeutet das Wort Erfolg, von der eigenen Musik leben zu können, wie er sagt. Aber so weit ist er mit Antichrisis leider noch nicht, wie er klarstellt. „Dennoch ist es eine schöne Bestätigung, wenn man Mails aus aller Welt bekommt, in denen wildfremde Menschen einem schreiben, wie sehr ihnen die Musik von Antichrisis beispielsweise über die Tiefpunkte in ihrem Leben hinweggeholfen hat – und das ist so gesehen auch eine Art von Erfolg, wenn auch auf einer anderen Ebene.“

Ganz bestimme Momente im Leben, an denen es für ihn nicht mehr weiterzugehen schien, gab es in der Vergangenheit für Sid durchaus. Er gibt zu: „Und in solchen Situationen war ich immer dankbar für meine Freunde, die zu mir hielten; für die Unterstützung, die ich erfuhr und die mitunter aus gänzlich unterwarteten Richtungen kam sowie für die Musik, die mir dabei half, wieder Kraft und Zuversicht zu gewinnen. Hoffnung für die Zukunft schöpfe ich daher aus der aufrichtigen Liebe und Zuneigung, die ich durch meine Gefährtin erfahre; aus der Freundschaft der mir nahe stehenden Menschen und natürlich aus der Musik.“

Ich überrasche ihn nachfolgend mit der Frage, welche historische Persönlichkeit er gerne gewesen wäre. Die Antwort kommt etwas zögerlich, aber bestimmt: „Auweia – historische Persönlichkeiten haben meist den Nachteil, dass sie entweder einen gewaltsamen Tod starben und beziehungsweise oder ziemlich unangenehme Zeitgenossen waren. Außerdem bin ich mit mir und meinem jetzigen Leben mehr als zufrieden, so dass ich nicht unbedingt tauschen wollte. Wenn es aber so etwas wie eine Zeitmaschine gäbe, so würde ich mir durchaus gerne mal die ganz frühen Epochen der Menschheit wie beispielsweise die Jungsteinzeit anschauen, weil ich glaube, dass in dieser Zeit die sozialen Fähigkeiten der Menschen weitaus ausgeprägter waren als heute.“

Und das war zwangsweise, so ergänze ich den guten Sid, denn da konnte keiner auf sich allein gestellt überleben. Heutzutage mag das zwar physisch einigermaßen funktionieren – doch auf psychischer Seite erleiden mehr und mehr „Menschen“ durch solcherlei introvertiertes beziehungsweise egomanisches Sozialverhalten üble depressive (Ver)Stimmungen.

Sid hasst daher an der Moderne die Hektik und die Schnelligkeit: „Sowie den Umstand, dass man anscheinend für nichts mehr richtig Zeit hat, obwohl wir gleichzeitig alles tun, um Zeit zu sparen. Irgendwie erinnert mich unser modernes Leben an das, was Michael Ende in "Momo" mit den grauen Herren und der Zeitsparkasse beschrieben hat. Froh bin ich aber über Errungenschaften der modernen Zeit wie beispielsweise meinen Mac-Computer und das Internet – und über Meinungsfreiheit, Demokratie und die Menschenrechte, die aber leider wohl nur für den kleinsten Teil der Welt zu gelten scheinen.“

Ja, der Mann blickt durch, wie einmal mehr festzustellen ist. Zum Ende des ausgiebigen und informativen Interviewgesprächs hin dreht sich unser Themenbereich noch um bisherige Live-Erfahrungen beziehungsweise -Pläne von Sid:

„Mit Antichrisis sind wir bis jetzt ja nur ein einziges Mal auf Tour gewesen: Das war 1999, und auch nur in reduzierter Form, da die Originalbesetzung zu diesem Zeitpunkt nicht zur Verfügung stand. Negativ an der damaligen Tour war die schlechte Organisation, die dazu führte, dass wir keinerlei Soundchecks machen konnten, was sowohl für das Publikum wie auch für die Band nervig war. Hierbei überwog von Seiten des Tour-Veranstalters her eindeutig das finanzielle gegenüber dem künstlerischen Interesse. Dennoch gab es auch während dieser Tour viele positive Erlebnisse: Gerade die Gigs in den Niederlanden und der Schweiz waren toll: Klasse Stimmung, nette Leute und gute Atmosphäre, auch wenn es in Rotterdam mitunter etwas ruppig zuging. Jedenfalls habe ich aus den damaligen Erfahrungen gelernt, dass – sofern Antichrisis wieder auf Tour gehen sollte – die Rahmenbedingungen stimmen müssen, denn schließlich möchten wir dem Publikum etwas bieten können: Vor allem einen vernünftigen Sound, und der ist bei unserem stilistischen Spektrum und der vielfältigen Instrumentierung nur mit großem Aufwand zu bewerkstelligen. Daher können wir eine solche Tour nicht komplett selbst finanzieren, sondern sind auf entsprechenden Support seitens des Labels angewiesen. Wir müssen daher einfach mal abwarten, welche Gelegenheiten sich diesbezüglich ergeben werden; konkrete Tourpläne wird es aber frühestens mit Erscheinen von "The Legacy Remains" geben. Aufgrund des langen Entstehungsprozesses dieser Platte haben sich bei mir inzwischen natürlich jede Menge neuer Songs angesammelt, so dass ich mich schon jetzt auf die Arbeit am Nachfolger von "The Legacy Remains" freue. Und darüber hinaus freue ich mich vor allem auf die für diesen Sommer geplante Hochzeit mit meiner Lebensgefährtin Jutta, mit der ich nun schon seit mehr als zwei Jahren zusammen bin.“

© Markus Eck, 09.04.2008

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