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Interview: ...AND OCEANS
Titel: Fantastischer Cybersurrealismus

Finnen sind schon seit jeher ein eigenwilliger Volksstamm gewesen, aber dafür machen sie auch verdammt guten Metal vielerlei Ausrichtungen, wie man als Kenner nicht erst seit einigen Jahren weiß.

Besonders im symphonischen Black und atmosphärischen Dark Metal Bereich entsprangen dem Land einige sehr wertvolle Edelperlen dieser Musikrichtungen, welche aneinandergefädelt eine Perlenkette in verschwenderischer Überlänge ergeben würden. Auch ...And Oceans sind dort zu Hause. Ihr 1998er Überraschungsdebütalbum „The Dynamic Gallery Of Thoughts“ stellte das experimentierfreudige Sextett als unerwartet talentierte und selbstbewußte Band vor, die ganz genau weiß was sie tut.

Mit dem aktuellen Werk „Cypher“ liegt nun das mittlerweile vierte Studioalbum vor. Den über die Jahre und Alben mehr und mehr in den abgefahrenen Gesamtsound integrierten elektronischen Tendenzen wurde darauf noch einmal mehr Freiraum als in der Vergangenheit eingeräumt.

So ist den abstrakten künstlerischen Intentionen der finnischen Schaltkreiskiller neuerdings schwerer denn je zu folgen.

Zwingender Grund also für mich, mit ...And Oceans-Vokalroboter Kenny (Frequencies) in digitale Verbindung zu treten.

Eine bestimmt für alle Fans der Band interessantesten Antworten bekomme ich von ihm auf die Frage nach dem doch sehr ungewöhnlichen und Rätsel aufgebenden Bandnamen.

„Als wir die Band am Start hatten, wollten wir dafür einen Namen ohne jegliche Genrebehaftung. Einen Namen, der mit wachsender musikalischer Entwicklung Schritt halten konnte und welcher sich niemals selbst limitieren wird. Der Name ist nicht mit irgendwelchen natürlichen Faktoren verknüpft. Er stellt für uns mehr eine Art lebendige Metapher für Gedanken und Farben dar, die sich ständig im Kreis bewegt und verändert. Die drei Punkte am Anfang symbolisieren die Vorphase allen bekannten Seins. Das Wörtchen `And` steht für die additionale Phase, als sich die Dinge im Universum nach und nach entwickelten und als vorläufiges Endresultat den denkenden Menschen mit seinen vielfältigen Emotionen hervorbrachten. `Oceans` stellt die Gegenwart und den momentanen Stand der Welt im Orbit dar. Denn wir ahnten schon damals, daß sich unser Sound in die verrücktesten Richtungen entwickeln wird.“

So kam es dann auch. Mit „Cypher“ ist nun ein nicht minder ungewöhnlicher Albumtitel gewählt worden. Kenny erzählt, was sich dahinter verbirgt: „`Cypher` ist ziemlich verstrickt mit der Unbedeutsamkeit der Menschheit und des Lebens generell, enthält aber auch die Reichhaltigkeit der vielen differierenden Perspektiven darüber. Ein idealer Albumtitel für unser neues Werk, welcher auch eine sehr gute Ambivalenzparallele zum Untertitel `Insect Angels & Devil Worms` darstellt. Die beiden Titel ergänzen sich sozusagen. `Cypher` hat schon so einige Bedeutungen für uns, welche in den Lyrics der neuen Scheibe bestens reflektiert werden.“

„Insect Angels & Devil Worms“ ist übrigens auch der Titel der Doppel-Vinylversion des Albums und seines in einiger Zeit erscheinenden Buches.

„Das Insektenthema fasziniert uns sehr. Denn es spiegelt in seiner Reichhaltigkeit eigentlich das ganze auf der Erde befindliche Leben an sich wider. Es ist unserer Auffassung demnach völlig egal, ob man ein guter oder schlechter Mensch ist oder zu welchen Göttern man betet. Wir sitzen alle zusammen im selben Boot, welches auf unser Ende zusteuert und früher oder später ist alles Bekannte zu Ende.“

Anregende Gedankengänge, welche von den lyrischen Inhalten der Songs von „Cypher“ noch zusätzlich vertieft werden. Kenny:

„Das neue Album ist ein durchdachtes Konzeptwerk und die Songs hängen sich thematisch einer an den anderen dran. Die Songs behandeln alle das selbe Thema – erzählen darüber lediglich aus einer jeweilig anderen Betrachtungsweise. Hauptthema ist die ständig voranschreitende weltweite Dekadenz und ihre gesamten Auswirkungen. Worum es uns aber genau geht, wird nicht verraten. Unsere Texte sollen von den Leuten jeder für sich gelesen und individuell interpretiert werden. In Verbindung mit unserer Musik können da die unerwartetsten und abenteuerlichsten Gedankenwanderungen entstehen, was auch voll beabsichtigt ist.“

Richtig, denn es fällt einem schon ziemlich schwer, sich von „Cypher“ einfach so davonzustehlen und davon unberührt zu bleiben.

Inspirationen holen sich ...And Oceans überall, wie Kenny nachfolgend preisgibt.

„Dieses graue Leben hat unsere Künstlerseelen schon seit langer Zeit kreativ angeregt. Man muß nur die Augen aufmachen und über das nachdenken, was man so sieht. Musikalische Einflüsse haben wir keine direkten, und die brauchen wir auch gar nicht. Denn da wir zu sechst in der Band sind, bringt jeder genug förderliche Inspirationen mit. Wir ziehen uns die unterschiedlichsten Formen von Musik rein – manche hören Metal, andere wiederum Techno oder extremen Subkulturstoff.“

Geleitet werden ...And Oceans vom realen Leben. Und von nichts anderem.

„Unser Schaffen reflektiert die nackte Realität oder besser gesagt das, was wir Affen Gottes darüber denken. Als Band sind wir uns sowieso nicht immer restlos darüber einig, was wir tun und wie wir es tun. Aber solange wir die künstlerische Freiheit besitzen, unsere enorme Kreativität entsprechend zu Musik zu verarbeiten, bin ich aber schon ganz zufrieden damit. ...And Oceans ist für uns nicht das Allerwichtigste in unserem Leben, obwohl die Band einen überwiegenden Großteil davon einnimmt. Doch sie hält uns als Individuen in geregelter Balance und sie gibt uns anspornende Hoffnungen auf die Zukunft.“

© Markus Eck, 10.08.2002

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