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Interview: AGALLOCH
Titel: Die stete Suche nach Balance

John Haughm hat sich nicht im Geringsten verändert. Er offenbart sich auch im aktuellen Interview als auffallend nachdenklicher und tiefsinniger Charakter. Der Amerikaner lebt noch immer in Portland, der größten Stadt und dem eigentlichen wirtschaftlichen Zentrum von Oregon – umso verständlicher, dass es den Chefdenker, Sänger, Gitarristen und Schlagzeuger von Agalloch jedes Jahr noch mehr in die Natur seiner Heimat hinauszieht.

Von solcherlei idyllischen Eskapaden ist daher auch der neue und dritte Albumteller der dreiköpfigen Ausnahmegruppe namens „Ashes Against The Grain“ durchzogen. Und was sich zuvor noch als primär atmosphärischer Post Gothic Rock mit massiven Neofolk-Anleihen akustisch manifestierte, das dreht nun in Form von betont progressivem und düsterem Dark Metal seine Runden.

„Meine musikalische Attitüde hat sich ebenfalls nicht geändert. Musik sollte meiner Auffassung nach stets in erster Linie eine sehr persönlich gehaltene Darbietung eines aufrichtigen Ausdrucks sein. Das ist im optimalen Falle eine Kunst und sollte auch als solche gesehen beziehungsweise gehört werden“, erläutert mir Haughm.

Wie er im Weiteren darlegt, sucht der ebenso eigenwillige wie bescheidene Denker und Philosoph aus Portland jederzeit so gut es geht nach der eigenen Balance.

„Manches Mal ist mir dies jedoch beinahe unmöglich in dieser beschissenen Welt. Aber ich bin eben auch nur ein klitzekleiner Fleck im Universum, ein sterbliches Fragment auf der Erde, der, wie alles hier, gekommen ist und wieder gehen wird.“

Das Gespräch tendiert aufgrund seinem letzten Statement nachfolgend ganz automatisch in eine Richtung, welche auch den weltweiten dringenden Naturschutz zum Inhalt hatte. Mein Gegenüber gibt sich hierzu erzürnt:

„Ich denke, es ist eine nur typische Verhaltensweise einer solch fundamental dummen Kreatur wie dem Menschen, seine Umgebung systematisch aus niederen Beweggründen zu zerstören. `Sie`, besonders die Religiösen unter ihnen, sehen den Erdenplaneten als ihren persönlichen Spielplatz an, auf dem sie sich ohne Entschuldigungen nach Lust und Laune austoben können. Konsequenzen für solcherlei idiotisches und kindisches Verhalten interessieren sie immer nur dann, wenn es zu spät scheint.“

So steht der Musiker demnach auch Religionen vielerlei Ausprägung höchst kritisch gegenüber, wie sich weiter offenbart.

„Natürlich sehe ich in diesem Zuge die allermeisten religiösen Aspekte der Weltglaubensrichtungen als weitere Ausformungen mentaler menschlicher Störungen beziehungsweise Verwirrungen. Ganz speziell diejenigen Religionen, welche vor Dogmen nur so strotzen – wie beispielsweise das Christentum oder der Islam. Sie offenbaren mehr oder weniger die inhärente Schafsmentalität in den Psychen ihrer Anhänger – von denen sich nicht wenige für ihren Glauben gar bekriegen und töten. Ich selbst sehe mich daher als einen wahren Heiden an. Das daran angelehnte Asatru-Bekenntnis ist demnach für mich sehr reizvoll und gleichermaßen inspirierend – wenn Gott wirklich existiert, dann in den Pflanzen, in der Luft, im Wasser, in den Jahreszeiten, im Fleisch der Erde. Menschen hingegen stehen unterhalb der Tiere, wie ich denke.“

Gerade die malerischen ländlichen Reize der verschiedenen Jahreszeiten stellen somit auf ein solches Individuum wie John eine unbändige Anziehungskraft dar, wie er mir bekennt.

„Jede Jahreszeit hat mir etwas Schönes zu bieten. Ich empfinde große Freude an den vielen Farben des Herbstes, der Schönheit von Schnee sowie der Kälte des Winters. Ich labe meine Sinne aber ebenso gerne an der herrlichen jährlichen Wiedergeburt des Frühlings samt den ganzen zauberhaften Aromen, die er nach allen Seiten verströmt. Im Sommer fahre ich so oft es mir möglich ist, an Seen und Flüsse, um beim Baden und Schwimmern darin der oftmals unerträglichen Hitze hier zu entkommen. Genau genommen favorisiere ich daher die Winterszeit.”

Da „Ashes Against The Grain“ auf stilistischem Sektor doch nicht wenige Änderungen mit sich bringt, tendierte die Konversation nachfolgend in genau diese Gesprächsdirektive.

„Der größte Unterschied zum Vorgängeralbum `The Mantle` besteht wohl darin, dass wir diesmal die akustischen Instrumentalpassagen beinahe gänzlich eingeschränkt beziehungsweise weggelassen haben. Ich habe sämtliche Songs zum Großteil geschrieben, die anderen addierten ihre Parts nachträglich dazu. Im Studio fügten wir die ganzen Fragmente dann final zusammen. Ich hörte in letzter Zeit eine Unmenge an progressiver Musik, wie beispielsweise Thule, Landberk, Anekdoten, Anglagard und In The Woods etc. Selbst lichtlose Coldwave Indie-Sounds wie beispielsweise Antarctica und Sigur Ros sowie diverse Neofolk- und Ambient-Gruppen fanden bei mir Gehör.“

Überhaupt, Agalloch fühlten als Band zu jeder Zeit während des Kompositionsprozesses, dass dieses neue Album noch ein wenig niedergeschlagener als das letzte klingen sollte, so John. „Daher legten wir sehr darauf Wert, dass den eigentlichen harten Gitarren-Riffs diesmal der absolute Vorzug gegeben wird, auch in Punkto Gesang.“

Dies bedeutet jedoch nicht, dass es bei den ästhetischen US-Melancholikern zukünftig immer ganz genau so zugehen wird:

„Wenn es uns danach sein wird, kehren wir auch gerne wieder zurück zur musikalischen Ausrichtung vergangener Werke. Wie auch immer, wir wollten jedenfalls für das aktuelle Album insgesamt weniger instrumentelle Vielfalt ausreizen, um all den melancholischen Melodien zu besserer individueller Entfaltung und Stärke verhelfen zu können.“

© Markus Eck, 07.08.2006

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