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Interview: AFTER FOREVER
Titel: Angenehm überraschende Intensität

Mit ihren bisherigen vier Studioalben sowie weltweit gefeierten Konzerttourneen konnten sich diese Niederländer bereits einen für dieses Genre vergleichsweise sehr großen Popularitätsgrad erarbeiten.

Überhaupt, überall wo die beständige Band hinkommt, schlägt ihr ausgesprochen tiefe Sympathie entgegen – die positiven Eigenschaften Fleiß, Aufrichtigkeit und Selbsttreue werden eben von Hörern und Medien gleichermaßen hoch geschätzt.

Melodisch hochtragischen Symphonic Dark Metal vom Allerfeinsten bietet auch der neue selbst betitelte Langspieler „After Forever“, und dieses Mal wurden die zuvor ohnehin schon bombastischen Orchestralpassagen noch einmal massiv nach vielen Seiten ausgeweitet.

Beschwörungssängerin Floor Jansen, einmal mehr in ihrer Position als Stimme solcherlei aufwühlender Epen gereift, brilliert inmitten der gigantischen Klangspektakel mit bemerkenswert ausgetüftelten Vokalkünsten.

Und mit einem ausgewogenen Mix aus alten Stärken, über die Jahre dazu gewonnenen Tugenden sowie neuen kreativen Visionen erschuf das schöngeistige Ensemble zum wiederholten Male ein jederzeit intensives Musikerlebnis der Superlative.

Dargeboten wird pure Eigenständigkeit, Anbiederungen an bereits Bestehendes suchen Erbsenzähler, Neider und Besserwisser auf „After Forever“ vergebens.

Damit hören nun auch hoffentlich endlich die ewigen unbegründeten Vergleiche von unbedarft agierenden Medien mit Metier-Stars wie beispielsweise Nightwish und Epica auf.

Floor ist sichtlich erfreut über diese Feststellung. „Für die neue Platte war eines unserer primären Ziele, die einzelnen Merkmale des typischen After Forever-Sounds extremer zu gestalten. Trotzdem sollten die altbewährten künstlerischen Elemente natürlich nicht zu kurz kommen, so entstand eine ganz eigene Art von Stilistik. Dermaßen hart, dermaßen symphonisch und so überaus atmosphärisch hat man uns bisher noch nicht gehört.“

„After Forever“ stellt somit die bisher intensivste Veröffentlichung der Band überhaupt dar.

„After Forever in absoluter Reinkultur sozusagen. Alles, was wir als Künstler vom Anfang bis zum heutigen Tage überhaupt zu geben hatten, ist darauf enthalten. Ebenso unsere musikalischen Visionen für künftige Zeiten. Daher haben wir die aktuelle Scheibe auch exemplarisch mit unserem Bandnamen betitelt, was wir für sehr angemessen halten.“

Wie Floor nachfolgend die Dinge präzisiert, geriet den Niederländern das zugrunde liegende Songwriting für „After Forever“ gleichsam gewohnt als auch nicht selten überraschend ungewöhnlich. Sie berichtet:

„Eigentlich gingen wir wie beim 2005er Vorgängeralbum `Remagine` vor, was zuerst anfängliche Vorarbeiten an den instrumentellen Grundgerüsten mit sich brachte – grobe Gitarren- und Basslinien beispielsweise oder Schlagzeug- beziehungsweise Keyboard-Demos. Stück für Stück war ich im selben Zuge auch mit dem Ausarbeiten meiner Gesangsanteile sowie der Songtexte beschäftigt. Als wir dann in Gemeinsamkeit die ersten Schaffensresultate zusammenwarfen und mit unserem neuen Produzenten Gordon Groothedde weiter entwickeln wollten, baute sich das Ganze zu einer viel tiefer ausgeprägten Angelegenheit auf. Und dafür zeichnet genau dieser Produzent verantwortlich – es war nämlich das erste Mal, dass wir überhaupt mit einem Reglerdreher für eine Veröffentlichung zusammenarbeiteten. Und weil es eben das erste Mal war und wir aufgrund fehlender Erfahrung mit Produzenten nichts überstürzen wollten, entschieden wir uns, ihn erst nach einem gewissen vorgelaufenen Entstehungsprozess in unsere Kompositionen mit einzubinden. Es hat sich auf jeden Fall immens gelohnt. Bereits die rohe Vorproduktion von `After Forever` offenbarte deutlich, dass unsere neue Musik wirklich gewaltig werden wird.“

Bislang arbeitete besagter Groothedde ausschließlich mit Rock-Bands aus den Niederlanden zusammen, mit Metal hatte der Mann zuvor überhaupt noch nichts am Hut.

Und das ist auch ganz gut so, wie meine Gesprächspartnerin die Lage einschätzt:

„Man möchte meinen, dass das eigentlich keine gute Vorraussetzung war. Doch genau das sollte uns nur Recht sein – denn wir strebten ja schließlich einen ungewöhnlichen Gesamtsound an. Die neuen Stücke sind viel zu einzigartig, als dass wir sie mit einem bereits gewohnten Gothic Metal-Klangbild repräsentieren wollten. Gordon war dafür wirklich erste Wahl. Wir haben es nicht bereut, ganz im Gegenteil.“

Nervosität aufgrund der ungewohnten Studio-Erfahrung hatte Floor jedoch nicht im Bauch, wie sie resümiert.

„Nein, absolut nicht – schließlich war ich diejenige, welche genau diese Kooperation anstrebte. Wir waren bislang immer eine Gruppe, die sich sozusagen selbst produzierte, und für die bisherigen vier Alben war dies ja auch in Ordnung. Doch mit der Zeit drohte sich eine gewisse Gleichförmigkeit einzustellen, die mir leichtes Unbehagen bereitete – nicht etwa, dass ich unsere bisherigen Sachen, gerade die vom letzten Album, nicht als gut genug erachte, doch ich spürte intuitiv, dass es für das neue Werk allerhöchste Zeit war, frisches kreatives Blut mit einfließen zu lassen. Es galt, eine neue Ebene zu erreichen. Schließlich wollten und wollen wir unseren Anhängern stets etwas Einzigartiges bieten.“

Sogar doppelt zufrieden ist die stimmgewaltige Frau im Nachhinein mit dem vorliegenden Endergebnis, wie sie bekennt.

Und sie erzählt gerne auch genau, warum:

„Im Endeffekt schlugen wir zwei Fliegen mit einer Klappe – wir sind uns einerseits stilistisch selbst absolut treu geblieben und trotzdem klingt die neue CD insgesamt schöpferisch größer, kompositorisch mächtiger und instrumentell detaillierter als alles, was wir bislang gemacht hatten.“

Für „After Forever“ arbeiteten die ambitionierten Holländer dieses Mal sogar mit einem richtigen großen Symphonieorchester zusammen – die auskunftsfreudige Sängerin erinnert sich zurück:

„Für uns war dies ebenfalls eine völlig neue Erfahrung. Bislang kamen die orchestralen Sounds für unsere Veröffentlichungen zwar auch stets von realen Instrumenten, welche Gastmusiker für uns einspielten, doch mehr wie beispielsweise ein Streichquartett war da bislang nicht drin. Einiges erstellen wir auch mit Keyboards beziehungsweise darin verbauten Soundprozessoren oder auch mittels Samples. Ob die Orchestermitglieder mit unserer Musik etwas anfangen konnten oder nicht, das sollte jedenfalls erstmal zweitrangig sein. Denn diese Leute spielen oftmals strikt nach Auftragsvorgaben – sie kriegen dabei stets die zuvor entsprechend professionell ausgearbeiteten Partituren und spielen diese eben zusammen unter der Leitung eines Dirigenten ein.“

Aufwändig vorbereitet wurde die Aufnahme-Session mit dem Orchester von Komponist und Tastenmann Joost van den Broek, so Floor, rückblickend.

„Das war genau sein Ding, Joost blühte regelrecht auf dabei. Er freute sich vom Fleck weg riesig, als wir das Ganze damals beschlossen. Wir wissen ja seit Jahren um seine tiefe Leidenschaft für klassische Musik beziehungsweise besetzungsstarke Orchester, welche diese großklanglich umsetzen. Diese Tatsache beeinflusste die Entscheidung für die Zusammenarbeit mit dem Symphonieorchester maßgeblich, denn wir konnten auf den vollen kompositorischen Einsatz von Joost hoffen. Der Gute konnte es gar nicht abwarten, seine nachfolgend eigens dafür kreierten Keyboard-Passagen endlich von einem richtigen großen Symphonieorchester gespielt zu hören. Es war schon eine sehr große Herausforderung für ihn, und er hat sich mit aller Bravour gemeistert, wie wir auch nachträglich noch immer feststellen.“

Eine ebenfalls gute Nachricht ist es abschließend, dass After Forever-Drummer Andre Borgman mittlerweile von seinem gefährlichen Lungenkrebsleiden genesen ist.

Doch dieser lässt laut Aussage von Floor trotzdem noch immer nicht von den verdammten Glimmstengeln ab.

„Wir sagen es ihm immer wieder beziehungsweise versuchen ihn davon abzubringen, doch in diesem Punkt ist Andre eben ein absoluter Dickkopf. Eigentlich ist es blanker Wahnsinn, was er macht, doch es ist letztendlich ja seine ganz persönliche Entscheidung, wie er mit seiner Gesundheit umgeht.“

Verstehen kann beziehungsweise muss man dies freilich nicht, aber tiefe Verwunderung ob solcherlei Unvernunft ist absolut erlaubt.

© Markus Eck, 24.03.2007

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