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Interview: AETERNITAS
Titel: Betörende Arien des Todes

Dieses siebenköpfige Dramaturgen-Ensemble besingt in edler und beherzt künstlerischer Gothic Metal-Manier den Tod.

Von tödlicher Langeweile jedoch ist auf ihrem aktuellen zweiten Album nicht die geringste Spur zu finden – kein Wunder, denn die passionierten Mittelalterverehrer Aeternitas bieten auf „La Danse Macabre“ aufwändig inszeniertes Gotik-Musiktheater der anspruchsvollen oberen Ästhetenklasse.

Mittels prunkvoll ornamentierten Klangmustern, hier neben schweren Stromgitarrenlinien hauptsächlich kunstvoll verziert von zeitloser Klassik-Instrumentierung, dazu hoch erhebenden Chören sowie anmutiger Soprandarbietungen erreicht die festliche Bombastmusik des Lübecker Septetts eine geradezu verzehrende Tiefe.

Fesselnd authentische Historienlyrik setzt dem Ganzen noch die prächtig funkelnde Schaffenskrone auf.

„Zur ´99er Gründung von Aeternitas führte der konkrete Wunsch, ein Requiem mit originalen lateinischen Texten zu schreiben und dies in musikalisch vielfältiger Weise umzusetzen. Die Bandbreite sollte sich dabei von Klassik bis hin zu Death Metal strecken, was ich mit unserer Keyboarderin Anja Malchau dann nach und nach in unserer Band umgesetzt habe“, weiß Vokalist und Hauptkomponist Alexander Hunzinger eingangs zu berichten.

Der anschließende Erfolg des 2000er Debütalbums „Requiem“ gab ihrem Tun alsbald Recht, denn die Rezensionen dafür fielen sehr positiv aus, und das bei einer neuen Gruppe mit ungewöhnlichem Konzept.

Mit sieben Leute in einer Band zu musizieren, ist sicher nicht immer einfach. Alexander stimmt hier voll und ganz zu. „Vor allem in organisatorischer Hinsicht. Denn das fängt bei Proben an, die fast nie mit allen Beteiligten verlaufen oder bei Fahrten zu Auftritten, bei denen nicht ein Wagen ausreicht, sondern eher zwei oder drei. Künstlerisch ist das Ganze allerdings fest in meiner und Anjas Hand. Das heißt, wir beide schreiben die Songs, ich erstelle das Konzept und arrangiere die Titel auch, speziell die Gesangs- und Chorlinien. Dies ist mit den übrigen Bandmitgliedern so abgesprochen und wird auch akzeptiert.“

Im weiteren Gesprächsverlauf offenbarte der Sänger seine persönlichen Ziele beim Schreiben der neuen Songs für „La Danse Macabre“. „Mir kommt es bei so genannten Konzeptalben immer darauf an, dass Musik und Text beziehungsweise Thematik gut zueinander passen und bestmöglich aufeinander abgestimmt sind. Was nun nicht heißen soll, dass zu mittelalterlichen Texten, wie in unserem Fall, mittelalterliche Musik gehört, sondern dass beispielsweise ein Song mit traurigem Inhalt ein entsprechendes musikalisches Pendant erhält. Das habe ich versucht, für `La Danse Macabre` umzusetzen.“

Von mir auf diverse Klassik-Einflüsse angesprochen, nennt er Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Sebastian Bach.

„Wobei wir nichts bewusst eingebaut haben, sondern gewisse Melodien und Techniken vielleicht im Unterbewusstsein eine Rolle spielten.“

„La Danse Macabre“ – ein Totentanz in 13 Akten beziehungsweise Liedern? Alexander:

„Die Texte entstammen einem originalen mittelalterlichen Totentanz, dem so genannten oberdeutschem vierzeiligen Totentanz von 1465, dessen Quellen aber noch älteren Ursprungs sind. Darin geht es darum, dass der personifizierte Tod zu jedem einzelnen Vertreter der damaligen Ständewelt tritt, um ihn zu holen. Aus den im Originaltext über 20 Vertretern habe ich mir 14 Figuren für unseren Totentanz herausgesucht und sie musikalisch umgesetzt. Daraus sind dann die 13 Songs des aktuellen Albums geworden. 13 Musikstücke, welche zwar in einem gemeinsamen Kontext stehen und teilweise leitmotivisch verbunden sind, jedoch jedes für sich eine kleine abgeschlossen Handlung aufweisen.“

Aeternitas bedeutet Ewigkeit. „Auf den Namen sind wir gekommen, da die adjektive Form aeternam, also ewig, eines der meist vorkommenden Wörter des Requiems war.“

Überhaupt, Aeternitas und ihre qualitative Symbiose aus Dark Wave, Gothic Metal und lyrischer Mittelalter-Thematik sind wohl eines der interessantesten Phänomene ihrer gesamten Szene. Ein Umstand, der laut Alexander primär aus dem angesprochenen Versuch, den Inhalt eines Songs auch musikalisch bestmöglich adäquat umzusetzen, resultiert. Er ergänzt:

„Das gelingt mit verschiedenen Stilmitteln besser als nur mit einem. Zum anderen entspringt die Stilistikvielfalt von Aeternitas aber auch unseren eigenen Hörgewohnheiten und Interessen, die sich automatisch in der eigenen Musik niederschlagen.“

Die beteiligten Damen in Aeternitas sind nicht nur optisch ein Highlight, auch akustisch wissen sie zu überzeugen. „Wir haben auf der CD eine Gastsängerin dabei, die in zwei Titeln zu hören ist. Die meisten weiblichen Gesangslinien kommen jedoch von unserer Opernsängerin Doria, die ich über eine Anzeige in der hiesigen Musikhochschule gefunden habe. Ein wahrer Segen könnte man sagen, da sie trotz ihrer professionellen Ausbildung mit viel Spaß und Freude bei einer für sie eher ungewöhnlichen Musikrichtung dabei ist.“

Wie man auf Fotos sieht, legt der Siebener großen Wert auf zur Musik passende Kostüme. Wie Alexander im Folgenden darlegt, handelt es sich bei der Kleidung der bisherigen Bandfotos von Aeternitas genau genommen jedoch noch gar nicht um richtige Kostüme.

„Das sind Gothic-Klamotten aus unseren eigenen Beständen. Wir haben bei der Foto-Session natürlich auf ein einheitliches und passendes Outfit Wert gelegt und ich werde vermutlich als Tod auch so auf der Bühne auftreten. Allerdings wollen wir für eine Bühnenumsetzung für die anderen Sänger noch spezielle Kostüme anfertigen lassen, um den theatralischen Charakter unserer Musik zusätzlich zu betonen.“

Was das Septett dabei musikalisch selber nicht umsetzen kann, wird live vom Band kommen. „Dabei handelt es sich in erster Linie um die Chöre und zusätzliche Keyboards. Ansonsten bin ich gerade dabei, mit unserem Gastsänger Oliver eine Live-Show zu erarbeiten. Über den genauen Umfang kann ich allerdings noch nichts sagen. Wir werden versuchen, den Inhalt der Songs durch Performance und Hintergründe oder Requisiten zu untermalen.“

Aber so sehr, wie man vielleicht mutmaßen möchte, fühlen sich Aeternitas dem Mittelalter gar nicht verbunden. Überraschend: „Wir sind keine klassische Mittelalterband, auch wenn wir Texte dieser Zeit verwendet haben. Spätestens das nächste Album wird sich von dieser Epoche thematisch verabschieden.“

© Markus Eck, 19.07.2004

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