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Interview: 1349
Titel: Knüppeln bis zum Umfallen

Eine der wohl extremsten norwegischen Black Metal-Horden sind mit Sicherheit 1349. Und auch eine der fähigsten und besten, ohne jeden Zweifel. Denn so dermaßen kompromisslos, verbissen und voll bei der Sache sind in diesem hart umkämpften musikalischen Bereich wohl nur die Allerwenigsten.

1997 aus den verbleibenden Resten der Band Alvheim entstanden, lassen die hämischen Flammenschergen um den superschnell taktenden Ausnahmetrommler Frost nun ihr neues und drittes Studioalbum „Hellfire“ von der bis zum Zerreißen gespannten Kette. Und das darauf enthaltene schwarzmetallische Höllenfeuer lodert ebenso heiß wie laut. So lassen diese neuen Songs des Quintetts leicht erahnen, welche hohen Ziele sich die fünf böse geschminkten Norwegerfratzen beim Erarbeiten dieser gehaltvollen Scheibe gesteckt haben.

„Mir geht es im Moment wieder eigentlich ganz gut, obwohl ich mir selbst eingestehen muss, dass ich dieser Tage durch eine Zeit ziemlicher Veränderungen in meinem Leben zu gehen habe. Ich erfuhr nämlich auf recht harte Art und Weise, was es bedeutet, dass ein Mensch nun mal körperliche Limits hat, über die er beim besten Willen nicht hinauskommt. Nach einer langen Zeitperiode, die von Erschöpfung und Krankheit durchzogen war, fange ich nun wieder von vorne an, was sich wirklich großartig anfühlt“, eröffnet das oberfleißige Arbeitstier Frost den Zweierdisput.

Wie mir der wieselflinke Schlagzeuger weiter berichtet, ist auch die gegenwärtige zwischenmenschliche Chemie in dem skandinavischen Männerbund 1349 bestens.

„Ja, wir kommen gut miteinander aus. Obwohl wir derzeit eine musikalische Inaktivität in der Band durchleben. Denn ich arbeite in Vollzeit an den Vorbereitungen für das kommende Studioalbum von Satyricon, dessen Aufnahmen für Oktober dieses Jahres 2005 vorgesehen sind. Dies ist aber gut für mich, denn das bedeutet eine willkommene Abwechslung in der Routine für mich. Trotzdem werden wir in Sachen 1349 diese Woche aber noch genug Zeit finden, ein wenig im Probenraum zu zocken, um der anstehenden Herbsttour durch Europa bestmöglich gewachsen zu sein. Wie die Dinge derzeit also stehen, so bin ich fest davon überzeugt, dass sich da eine ziemlich blutrünstige Bande in einigen Tagen im Übungsraum treffen wird. Ich registriere dabei in zunehmendem Maße, dass wir mehr und mehr als kreative Einzeltäter in der Band fungieren – die jedoch alle an einem gemeinsamen künstlerischen Strang ziehen, der die musikalischen Intentionen von 1349 auf intensivste Weise zum Ausdruck bringen soll. So existiert bei uns definitiv so etwas wie ein gemeinsamer Band-Geist, den wir miteinander teilen.“

Wer so mordshektisch, gewalttätig, vehement und abartig zerstörerisch wie auf der neuen Scheibe „Hellfire“ zum entfesselten Knüppeltanz aufspielt wie Speedfreak Frost, der muss wohl schon immer vom Trommeln besessen gewesen sein, möchte man meinen. Der Meister klärt auf:

„Eigentlich bemerkte ich an mir kein richtiges Interesse an Musik, bevor ich das neunte Lebensjahr erreicht hatte. Ich glaube, alles begann schließlich damit, als ich das erste Mal „Iron Fist“ von Motörhead im Radio zu hören bekam. Obwohl ich zuvor schon Musik von Bands wie Kiss und anderen Hardrock-Formationen vernommen hatte, konnten erst Lemmy und Co. mich dazu bewegen, mich für harten Sound zu begeistern. Denn auf ganz intuitive Weise suchte ich von Anfang an nach der möglich härtesten Musik. So war es wohl lediglich eine Frage der Zeit, bis ich entdeckte, dass es immer noch härtere Songs gibt.“

Ein Durchbruch der ganzen Sache war es, als Stockschwinger Frost eines Tages seinen ersten eigenen Plattenspieler bekam, wie sich der Drummer nun zurück erinnert:

„Es war von da an immer wieder unheimlich aufregend für mich, in die Stadt zu gehen und mir die ganzen knallharten Platten einzutüten. Berühmte Klassiker-Scheiben wie „Obsessed By Cruelty”, „Bathory” oder „Killing Technology” das erste Mal zu hören, das ermöglichte mir Erfahrungen, von denen ich heutzutage nur noch träumen kann. Irgendwann besorgte ich mir dann ein Drum-Kit, um darauf möglichst extremen Metal als Schlagzeuger zu produzieren. Doch ich schätze, ich wollte wohl viel zu schnell viel zu hoch hinaus. Ich konnte gar nicht abwarten, besser zu werden und übte zu viel und zu vielfältig. Somit konnte ich Erlerntes nicht verfeinern und stagnierte irgendwann schlussendlich. Ich wollte einfach so schnell und intensiv wie nur irgend möglich sein. Doch ich war meilenweit davon entfernt, ein richtiger Musiker zu sein. Ich spielte im Weiteren mit einigen Kumpels in Lillehammer für diverse Jahre, von denen fast alle in heutzutage recht prominenten Bands endeten. Ich musste einsehen, dass ich so nicht weiterkam. So zog ich schließlich nach Oslo, als ich 19 war. Ich ließ alles hinter mir. Auch das Trommeln. So fühlte ich mich lediglich noch als begeisterter Black Metal-Fan. So trug es sich irgendwann im Weiteren zu, dass Faust mich kontaktierte. Er meinte, Satyricon würden einen neuen Drummer suchen, und er hätte meinen Namen bei Satyr erwähnt, weil er selbst zu diesem Zeitpunkt gerade frisch bei Emperor eingestiegen sei. Man sieht, Faust und ich kannten uns bereits, da wir beide in der Gegend um Lillehammer aufgewachsen waren.“

Dann folgt ein schonungslos offenes Bekenntnis:

„Während meiner anfänglichen Zeit meiner Karriere bei Satyricon war ich ein so lausiger Drummer, dass ich es im Nachhinein kaum selbst noch glauben kann. Doch dieser Umstand war nötig. Denn er führte mir vor Augen, dass ich noch viel mehr als je zuvor zu proben hatte; ja, dass ich geradezu wie ein Verrückter zu üben hatte, um überhaupt jemals irgendetwas bewegen zu können. Zurückblickend muss ich sagen, dass ich zu dieser Zeit beinahe fast alles falsch gemacht hatte, was man als Trommler überhaupt falsch machen kann. Doch irgendwann wurde ich tatsächlich besser, allerdings sicherlich mehr durch meinen Spirit als durch mein Talent bedingt. Erst im Jahr 2000 kam ich tatsächlich hinter das Geheimnis der wirklichen Kunst des Schlagzeugspielens – exakt zu diesem Zeitpunkt stieß ich dann auch zu 1349. Diese Band schien mir wie eine wirkliche Kraft in der Black Metal-Welt. Mittlerweile haben wir einige existenzielle Veröffentlichungen hinter uns; doch, um ehrlich zu sein, fühle ich mich noch immer so, als hätte ich gerade angefangen mit meiner Suche nach der perfekten Kombination aus Technik und Gefühl.“

Soviel Ehrlichkeit ist selten, gerade in diesem Genre. Es ist Frost daher hoch anzurechnen, wie er mit sich selbst ins Gericht geht. Apropos gehen: Wir gehen endlich zum neuen Album über.

„Für mich hört sich „Hellfire“ so intensiv, so feurig, so kraftvoll und so dunkel wie sonst nichts anderes im Black Metal an. Ich denke ernsthaft, das Album ist Black Metal der elitären Marke. Nun zu sagen, 1349 wäre die schnellste Black Metal-Band der Welt, wäre Nonsens. Jedoch können wir ohne jeden Zweifel behaupten, dass 1349 zu einer der intensivsten Bands des gesamten Spektrums überhaupt geworden sind. Und niemand kann verneinen, wenn er ehrlich zu sich selbst ist, dass wir Meister unseres Spiels sind.“

Vor allem Frost, der auf dieser neuen CD wirklich alles und jeden in Grund und Boden zu schlagen scheint. Dafür ist wie erwähnt einiges an Übung nötig. Und das sogar jeden Tag, wie mir der eifrige Schlagwerker dazu mitteilt.

„Ich hocke fast täglich vor meiner Schießbude. Eine Zeitlang probte ich gar zwei- bis dreimal am Tag, aber körperlich war das auf Dauer nicht auszuhalten. So wurde ich wie gesagt schwer krank und hatte für eine ziemlich lange Zeit darunter zu leiden. Das Resultat solcherlei Übertreibung war dann, dass ich eine Zeitlang überhaupt nicht mehr spielen beziehungsweise üben konnte. Nun bin ich jedoch endlich wieder über den Berg und verspüre den Drang zu neuen Taten.“

Man wundert sich schon ein wenig, wie diese Band es aktuell mal wieder hingekriegt hat, all diese hyperschnellen Spiel-Ideen und Rhythmus-Diversifikationen aus dem schwarzen Lederjackenärmel zu zaubern. Frost hierzu:

„Das fragen wir uns auch des Öfteren. Ich denke, der anfangs angesprochene Band-Geist hat wirklich eine große motivierende Wirkung auf uns alle. Dieser gemeinsame Spirit bringt hier die extremsten Formen unserer musikalischen Expressionen hervor.“

Ein guter Song seiner Band 1349 muss in erster Linie eine Unmenge an purer Energie in sich bergen, wie Frost den Lesern abschließend noch mit auf den Weg gibt.

„Und auch eine ganz gewisse einzigartige Atmosphäre, die wir mögen, interessant finden oder die uns zumindest auf irgendeine Art vertraut erscheint. Und das kann beinahe jede Art von dunklem Feeling sein. Doch wenn ein Song mich innerlich wirklich bewegt, ist es mir persönlich letztlich doch ganz egal, warum er das eigentlich tut. Ich genieße ihn dann lieber.“

© Markus Eck, 06.10.2005

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